Mercedes-Benz Große Heckflosse
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1959 stellte Mercedes-Benz die „große Heckflosse“ vor. 14 Jahre nach Kriegsende, 10 Jahre nach Gründung der beiden Deutschen Staaten hatten es die Menschen in Deutschlands Westhälfte bereits zu einigem Wohlstand gebracht. Besonders glücklich war, wer den Sprung vom Motorrad auf das Goggomobil oder den VW Käfer geschafft hatte. Ein Mercedes blieb jedoch für die allermeisten Menschen ein unerreichbarer Traum.
Das Vorgängermodell, der Ponton, war eines der ersten Fahrzeuge mit selbsttragender Karosserie in Deutschland, technisches Layout und die Karosserieform basierten aber noch aus zaghaft modernisierten Vorkriegsideen.
Die Flosse war das erste Modell, bei dem die Konstrukteure von Mercedes-Benz aus dem Vollen schöpfen konnten. Erstmals konnten Ideen von Bela Barenyi, der als Pionier der passiven Sicherheit gilt, verwirklicht werden. Dazu gehörten das Pralltopf-Lenkrad, die Sicherheits-Fahrgastzelle und die Einführung von verformbaren und Aufprallenergie verzehrenden Innenausstattungsteilen.
Das Fahrwerk wurde prinzipiell vom Ponton übernommen, wenngleich Spur und Radstand gewachsen waren. Vorderachse und die bekannte Eingelenk-Pendel-Hinterachse zusammen mit einem tieferen Schwerpunkt der Karosse machten das Fahrwerk noch neutraler und gutmütiger als beim Vorgänger. Bei den Bremsen hatte man zunächst keine Verbesserung gegenüber dem Ponton für nötig gehalten, erst 1962 konnte man auf Wunsch vorne Scheibenbremsen bekommen. Die Karosserieform war ein Meisterwerk von Karl Wilfert, der auch andere Meilensteine des Hauses Mercedes gezeichnet und mitgestaltet hatte. Der Innenraum bot reichlich Beinfreiheit vorne und hinten, wegen der relativ gerade stehenden Scheiben hatte man ein ausgezeichnetes Raumgefühl mit Bewegungsfreiheit im Überfluss. Dazu kam ein riesiger Kofferraum mit Platz für das Urlaubsgepäck der fünf bis sechs Personen, die in dem Wagen Platz fanden. Die Bezeichnung “Heckflosse” (in Amerika „fintail“) ist umgangssprachlich. Offiziell bezeichnete Mercedes die Form als “Trapezlinie” mit “Peilstegen” zum besseren Einparken. Tatsächlich war die große Flosse mit der Baureihenbezeichnung W 111 an Übersichtlichkeit bei knapp 5 Meter Außenlänge kaum zu übertreffen. Das Handling erschwerte anfangs die fehlende Servolenkung, die es erst ab 1961 und nur gegen Aufpreis gab.
Die Fahrsicherheit einer W 111 Flosse ist auch heute noch über jeden Zweifel erhaben, speziell wenn die serienmäßigen 13 zölligen Felgen gegen 14-Zöller vom Nachfolgemodell ausgetauscht werden – und wenn Servolenkung und Servobremse an Bord sind.
Die große Flossen der Baureihe W 111 (Typbezeichnung 220b, 220Sb, 220 SEb und 230 S) und W 112 (Typbezeichnung 300 SE und 300 SE lang) konnten auch im internationaler Motorsport punkten. Die Spitzenfahrer von damals wie Eugen Böhringer, Karl Kling, Rainer Günzler oder Evy Rosquist profitierten nicht nur von dem erstklassigen Fahrwerk – das allerdings wettbewerbsmäßig optimiert wurde – sondern auch von der ungeheuren Zuverlässigkeit der Flosse.
Von den insgesamt rund 340.000 von 1959 bis Januar 1968 gebauten W 111 existieren hierzulande nur noch weniger als 1 Prozent, was einerseits dem normalen Verschleiß, aber auch den Salzorgien der 60er und 70er Jahre auf unseren Straßen geschuldet ist. Die Flosse rostete durch ihre komplexe Karosseriestruktur im Prinzip überall, insbesondere dort, wo man es auf gar keinen Fall erwarten würde. Die Restaurierung ist entsprechend aufwändig, wenn ein nachhaltiges Resultat erzielt werden soll. Am besten ist daher, beim Erwerb auf eine ausgezeichnete Substanz zu achten. So kann es sinnvoll sein, ein Fahrzeug aus Kalifornien, Italien, Schweiz oder Frankreich zu importieren. In seltenen Fällen lassen sich auch deutsche Fahrzeuge in exzellent gepflegtem Zustand finden.
Besonders schwer zu finden sein dürfte die Kombiversion des W 111, der 230 S Universal. Diese seltenste Ausführung des W 111 wurde bei IMA in Belgien im Auftrag von Mercedes in einer Kleinserie hergestellt. Seiner Zeit war der W 111-Kombi damals um Lichtjahre voraus.
Heute ist eine W 111 Flosse ganz sicher eine absolut zuverlässige, Familien – und alltagstaugliche Limousine mit großem Spaßfaktor. Man kann man sich mit ihr auf eine Zeitreise in die 60er Jahre begeben, als man noch mit Zigarre Auto fuhr, sich über die langhaarige Jugend wunderte und man erst mit mehr als 1,5 Promille als fahruntüchtig im Sinne des Gesetzes galt. Tja, so waren sie, die 60er!









