Lancia Fulvia
Wer 1963 Wert auf raffinierte Technik, optisches Understatement und moderaten finanziellen Aufwand legte und auch noch eine Familie samt Gepäck in sein Auto packen wollte, für den war Lancia die erste Adresse. Mit der Fulvia Berlina konnten nämlich alle diese Wünsche in Erfüllung gehen.
Die eher bieder wirkende Limousine hatte es faustdick unter dem Blech.
Als kleine Schwester der Flavia erbte sie von dieser den Frontantrieb, die vordere Einzelradaufhängung und die starre Hinterachse. Die vordere Antriebseinheit war an doppelten Querlenkern und Querblattfedern an einem Hilfsrahmen befestigt, der auch dem Motor Halt gab. Die Hinterachse wurde von einem Panhardstab gebändigt. Auch die Scheibenbremsen fanden von der Flavia ihren Weg in die Fulvia. Lancia versprach sich von der Verwendung möglichst vieler Gleichteile eine Kostenersparnis.
Es gab auch Unterschiede, auf den hinteren Stabilisator wurde verzichtet und auch auf der Boxermotor fand nicht den Weg in den Motorraum der Fulvia, stattdessen war ein sehr kompakter VR-Motor installiert. Diese Motorgattung hatte schon im Lambda Triumphe gefeiert und auch die direkte Vorläuferin der Fulvia, die Appia , hatte einen solchen Motor besessen. Beim VR-Motor handelt es sich um einen V-Motor mit besonders engem Zylinderwinkel (hier 13°), durch den die Zylinder so nah beieinander stehen, dass sich zum einen eine kurze Baulänge ergibt, zum anderen ein gemeinsamer Zylinderkopf für beide Zylinderreihen möglich ist. Der Ventiltrieb erfolgte bei der Fulvia über zwei obenliegende Nockenwellen, eine nur für die Auslass-, die andere nur für die Einlassventile.
Aus 1,1 Litern Hubraum kitzelten die Ingenieure beachtliche 58 PS, ein respektables Ergebnis, das auf sportliche Fortbewegung hoffen ließ. Doch diese Hoffnungen wurden durch die große Last der Karosserie und des schweren, da aufwändigen Fahrwerks enttäuscht, die Erbmasse der Flavia erwies sich als Hemmschuh. Wer jedoch keinen gesteigerten Wert auf rasantes Fahren legte, kam dennoch auf seine Kosten, denn die Fulvia wurde dem Ruf Lancias als Mercedes-Benz Italiens durchaus gerecht. Der unvergleichliche Fahrkomfort in Verbindung mit solider Verarbeitung sorgte für gute Verkaufszahlen, einzig die mangelhafte Rostvorsorge verdiente Kritik.
Dem sportlich orientierten Kunden präsentierte man 1964 das Coupé, bei dessen Entwicklung in der Lancia-Stylingabteilung auch der Reduktion des Gewichts viel Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Durch den Einsatz von Aluminiumblechen für Hauben und Türen und einen verkürzten Radstand wurden 80 kg abgespeckt, durch Hubraumvergrößerung erreichte der Motor nun 80 PS. Das Coupé sorgte im Renntrimm für Furore, 1972 mit dem Gewinn der Rallye-Weltmeisterschaft. Da in diesem Jahr von Lancia auch der Stratos auf die Rennstrecken der Welt losgelassen wurde, sank der Stern des kleinen Coupés am Rallye-Himmel bald darauf. Für den wirklich extravaganten Auftritt sorgte eine von Zagato gestaltete Sport-Version, neben ihr nahm sich die Berlina wie ein Mauerblümchen aus.
Die kleine Fulvia-Familie sorgte mit über 300.000 produzierten Exemplaren für volle Auftragsbücher, ihrer aufwändigen Technik wegen aber nicht für große Gewinnmargen, weshalb sie auch nicht die Übernahme Lancias durch Fiat 1969 verhindern konnte. Die Berlina und Sport blieben bis 1972 im Programm, das Coupé wurde bis 1976 gebaut.
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