Citroen 5HP
Zu Beginn der zwanziger Jahre hatte sich die junge Marke Citroen mit ihrem Mittelklassemodell 10 HP bereits ordentlich auf dem Markt etabliert. Nun schwebte dem Patron André Citroen ein Kleinwagen vor, der noch mehr zur Mobilisierung der Massen in Frankreich beitragen sollte.
Vorhang auf für den 5 HP.
Als man bei Citroen die Großserienproduktion des ersten Modells im Griff hatte, wollte man auch im kleineren Segment ein Fahrzeug anbieten, das die Konkurrenz aus dem Markt drängen sollte. Dazu wich der Patron sogar von seiner Ein-Modell-Politik nach dem Vorbild Henry Fords ab und beauftragte seinen Chefkonstrukteur Jules Salomon, der bereits für den 10 HP verantwortlich gezeichnet hatte, mit der Entwicklung. Dieser hatte sich mit Edmond Moyet einen Spezialisten für Kleinwagen mit ins Boot geholt. Salomon und Moyet hatten bereits bei Le Zèbre zusammengearbeitet und Moyet war nun seinem Mentor nach einem Abstecher zu Amilcar, deren Modell CC er entworfen hatte, gefolgt.
Präsentation in Paris
Was der Öffentlichkeit im Oktober 1921 auf dem Salon de l’Auto in Paris vorgestellt wurde, konnte seine Verwandtschaft mit dem Amilcar CC denn auch nicht leugnen. Der neue Typ 5 HP war ein leichter, offener Zweisitzer, der wie schon der 10 HP komplett als fahrfertiges Auto angeboten wurde, was zur damaligen Zeit durchaus nicht selbstverständlich war. So bekam der Wagen ab Werk die Karosserie und Bereifung mitgeliefert und verfügte über Beleuchtung und einen elektrischen Anlasser. Dafür wurde an anderer Stelle auf alles verzichtet, was nicht unmittelbar zum Fahren benötigt wurde. So zierte das Armaturenbrett ab Werk nur ein Lichtschalter und ein Ampèremeter. Tacho und Uhr waren Teil des umfangreichen Zubehörprogramms. Selbstredend kam man mit einer Tür auf der Beifahrerseite aus, auf der Fahrerseite thronte das Ersatzrad.
Der französische Service des Mines, bei dem der Wagen leicht modifiziert am 21. November 1921 vorgeführt wurde, registrierte diesen als Typ C. Die Serienproduktion lief erst im März 1922 an und die ersten Fahrzeuge wurden im Mai ausgeliefert. Wegen der steigenden Stückzahlen im Werk am Quai de Javel, wo neben 10 HP und 5 HP auch noch die Halbkettenfahrzeuge produziert wurden, sah man sich noch 1922 gezwungen, umzuziehen. Für die Produktion des 5 HP mietete man die alten Hallen von Clément-Bayard in Levallois an. So blieb es zunächst bei eher bescheidenen Stückzahlen, was sich erst 1924 ändern sollte.
Stetige Modellpflege
Der 5 HP Typ C wurde zunächst auf einem kurzen Chassis Typ C.2 gebaut und bis März 1923 nur als zweisitziges Torpedo mit Spitzheck angeboten. Der kleine Vierzylinder mit 11 PS beschleunigte das Wägelchen auf bis zu 60 km/h, schnell genug angesichts fehlender Stoßdämpfer und der damaligen Straßen.
Ab dem Modelljahr 1923 gab es eine Magnetzündung und 16 statt drei Lüftungsschlitze in der Motorhaube, ab März 1923 ergänzte ein zweisitziges Cabriolet das Programm. Ein verstärktes kurzes Chassis kam über das Erprobungsstadium nicht hinaus, wies aber mit den verlängerten Längsträgern und der hinteren Quertraverse, die ein Absacken der Karosserie hinten verhindern sollten, in Richtung des neuen, verlängerten Chassis Typ C.3 mit 10 cm mehr Radstand, wodurch der Typ C nun zum Typ C3 wurde. Das lange Chassis löste die kurze Variante im Oktober 1923 ab. Es war technisch weitgehend identisch, verfügte jedoch über verstärkte Blattfedern. Bei einigen Cabriolets gab es hinten auch Reibungsstoßdämpfer. Und endlich war der Wagen neben den Farben gelb und havannabraun auch in blau und rot erhältlich. Ab Anfang 1924 kamen die neuen “Confort”-Reifen von Michelin zum Einsatz, für das Modelljahr 1926 wurden die Kotflügel runder gestaltet und die Fußbremse betätigte nun auch die Trommeln an der Hinterachse, die zuvor über eine Handbremse betätigt worden waren. Die Hauptbremswirkung ging nach wie vor auf den Getriebeausgang.
Erfolgsbringer Trèfle
Mit Erscheinen des Chassis Typ C.3 war neben dem zweisitzigen Torpedo und dem zweisitzigen Cabriolet auch einen Lieferwagen mit 125 kg Nutzlast und ein dreisitziges Torpedo “à strapontin” (mit Klappsitz) erhältlich. Bei letzterem war der eigentliche Beifahrersitz zurückversetzt und neben dem Fahrer befand sich ein Klappsitz. Diese Variante wurde ab Oktober 1924 zugunsten des neuen Torpedo mit drei Sitzen in Kleeblattanordnung (“en trèfle”) eingestellt, bei dem der dritte Sitz zentral hinter den beiden vorderen angeordnet wurde. Das Ersatzrad wanderte bei dieser Variante ins Heck. Neben den Werkskarosserien gab es auch eine ganze Reihe – vor allem geschlossener – Sonderkarosserien verschiedener Meister.
Eine Umstellung der Leistungsklassen von den britischen HP (Horse Power) auf die etwas anders berechneten französischen CV (Cheval Vapeur) machte am 26. Oktober 1925 eine erneute Vorführung beim Service des Mines nötig. Danach hieß der Wagen 5 CV und war als Trèfle und zweisitziges Cabriolet bis zum Produktionsende im Juni 1926 erhältlich, der Lieferwagen und das zweisitzige Torpedo waren 1925 wieder eingestellt worden.
Kein Nachfolger!
Als am 4. März 1926 die Entscheidung zur ersatzlosen Streichung des 5 HP fiel, war das Unverständnis der Händler groß, doch der Patron André Citroen sollte mit dieser Entscheidung Recht behalten, denn die Zeit der kleinen Fahrzeuge neigte sich dem Ende zu. Mit dem 10 CV B14 besann man sich wieder auf die Ein-Modell-Strategie und hatte dank Cellulosebasis endlich auch den Prozess der Lacktrocknung besser im Griff.
Der 5 CV blieb dank seiner einfachen Bedienung und Zuverlässigkeit und seiner Produktion von immerhin 83.132 Exemplaren in vier Jahren noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg im Straßenbild präsent. Und er war nicht nur Vorlage für den Opel Laubfrosch, sondern auch für die Citroennette, das erste Spielzeugauto der Marke, mit dem die zukünftigen Kunden ab November 1924 schon einmal das Fahren üben konnten…
Wer jetzt Appetit auf Citroens kleinen Glücksbringer bekommen hat, dem sei das (französische) Buch “Citroen 5 HP” von Bernard Laurent von 2006 ans Herz gelegt.




