Bugatti Type 35
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Ein Auto, das man stimmen kann wie ein Musikinstrument: das man einrichten kann auf die Strecke, die es fahren soll, auf Schotter oder Asphalt, auf Sprint oder Langstrecke, auf hohe Temperatur und Feuchtigkeit der Luft oder niedrige, auf die Vorlieben des Fahrers, auf Unter – oder Übersteuern – was auch immer. Und mit dem man nach dem Rennen zur Party vor dem Casino vorfahren kann. Solch ein Auto muss der Traum jedes Rennfahrers sein. Sowas gabs in der Geschichte des Automobils exakt einmal: der Bugatti Typ 35.
Hervorragende Straßenlage, mit zwei Starrachsen
Man nehme allein die Vorderachse: Eine Starrachse wie bei allen klassischen Bugatti , widerlegt sie die Binsenweisheit, dass man mit Starrachsen keine gescheite Straßenlage hinbekomme. Die Vorderachse des Typ 35 besteht aus einem geschmiedeten Rundstahl, an den Enden gekröpft und flachgeschmiedet, um quadratische Aufnahmen für die Radaufhängung zu erhalten. Das Ergebnis ist eine leichte, flexible und unverwüstliche Achse, an der man die gesamte Radgeometrie einstellen kann – ohne Eingriff in Federung und Dämpfung.
Die Stoßdämpfer sind simple Reibungsdämpfer – die sich aber durch den Anpressdruck und durch unterschiedliche Reibbeläge im Ansprechverhalten beliebig einstellen lassen. Ebenso die Bremsen, die zwar kabelbetätigt sind (noch eine Konstante aller klassischen Bugatti), aber dank cleverer Differentialgetriebe absolut gleichmäßig ansprechen und in der Balance (vorn/hinten oder rechts/links) kalibrierbar sind. Die Räder besitzen eingegossene Bremstrommeln, acht breite Speichen führen die Wärme der Bremsen ab. Sie bestehen aus Aluminium, zeigen also neben dem Gewichtsvorteil auch ein besseres Wärmeleitverhalten als Stahlscheiben – oder gar Speichenräder. Beim Reifenwechsel während eines Rennens kann der Mechaniker gleich einen Blick auf den Zustand der Bremsbacken werfen.
Fünf Jahre lang unschlagbar
So geht es weiter. Der Typ 35 ist auf eine Art durchdacht, die zur Zeit seines Debüts 1923 nirgendwo sonst zu finden war. Dementsprechend wurde er auch auf Anhieb zum dominanten Rennwagen seiner Zeit und blieb es ungefähr fünf Jahre lang, was Patron Ettore Bugatti weidlich als Werbung zu nutzen wusste.
Man kann eigentlich gar nicht so schlimm prahlen, dass der Bugatti 35 den Sprüchen nicht doch gerecht würde. Er ist der Bugatti, in dem sich die Philosophie des Patron am reinsten kristallisiert: die Verschmelzung von Ästhetik und Konstruktion zu höchster Eleganz auf allen Ebenen. Der Motor ist nicht nur ein optischer Genuss, er ist ein Spitzenprodukt. Zuerst fallen Merkmale auf wie eine obenliegende Nockenwelle mit zwei Einlass – und einem Auslassventil oder der einfache aber funktionale Fächerkrümmer. In der Tiefe des Motorblocks verstecken sich aber noch ganz andere Dinge, zum Beispiel Kugellager in Haupt – und Pleuellagern, die eine neunfach geteilte Kurbelwelle verlangen. Das macht die Montage des Kurbeltriebs zu einer Aufgabe für Mechanik-Künstler – oder zu einem Alptraum.
Natürlich kann viel schiefgehen. Im Grunde verlangt ein Bugatti, und besonders der 35, ein vollwertiges Ingenieursstudium, nur damit sein Besitzer keine Fehlgriffe mit schwerwiegenden Folgen begeht – so eigenständig ist er konstruiert. Ein gut eingestellter Bugatti 35 aber ist bis heute in der Lage, auf kurviger Landstraße einer modernen Premiumlimousine davonzufahren.




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