Volvo
“Schwedenstahl war gut, aber schwedische Straßen waren schlecht”, bemerkte Assar Gabrielsson 1956 über eins der Hauptmotive für die Gründung von Volvo. Der Mann war einer der Gründer und bis zu diesem Zeitpunkt Chef von Volvo.
Sicherheit durch Schwedenstahl – damit warb Volvo in den Siebzigern. Sie hätten es nicht extra über ihre Anzeigen schreiben müssen, die Autos waren die Inkarnation dieses Slogans: massig, kantig, behäbig – ein Tresor auf Rädern. Das war natürlich nur bedingt richtig. Zutreffend war zweifellos, dass die Außengestaltung besonders der Zweier-Baureihe ab 1974 stärker von Sicherheitskonzepten geprägt war als seinerzeit üblich – wobei Volvo bei dieser Baureihe nicht einfach dicke Stoßstangen an ein vorhandenes Auto pappte, wie es die Konkurrenz handhabte, um auf dem US-Markt mitzuhalten. Volvo war mit seinen Ideen zur Sicherheit der übrigen Industrie um etwa ein Jahrzehnt voraus (mit der möglichen Ausnahme von Daimler-Benz ). Das bedeutet: Schon seit Mitte der Fünfziger baute Volvo Autos, die sicherer waren als die meisten zeitgenössischen Fahrzeuge.
Frisches Denken am Rand der Welt
Der klobige Eindruck, den die Zweier-Reihe machte, stand also in genauem Gegensatz zum frischen Denken, das in diesen Autos steckte. Das ist das Volvo-Leitmotiv seit 1950: originelles Denken. Dass man gewissermaßen am Rande der Welt operierte, verwandelte Volvo in einen Vorteil – man bewahrte sich einen eigenen Kopf und ging den eigenen Weg (ähnlich übrigens wie Saab , die einzige inländische Konkurrenz). Man muss sich dieses Land vor Augen führen: um ein Viertel größer als Deutschland, aber nur ein Neuntel der Bevölkerung. Bis heute sind viele Nebenstraßen nicht gepflastert. Genau diese Straßen brachten Assar Gabrielsson und Gustaf Larson überhaupt auf die Idee, ein schwedisches Auto zu bauen: “Gebraucht wurde ein Automobil mit strafferer Aufhängung als die US-Autos, die damals den schwedischen Markt beherrschten. Nur ein richtig solides Auto würde sich auf den schwedischen Pisten nicht zerlegen”, schrieb Gabrielsson 1956.
SKF-Tochter
Er war Verkaufsleiter bei SKF, der Svenska Kullagerfabriken. Sein Mitgründer Gustaf Larsson arbeitete dort als Ingenieur und war offensichtlich ähnlicher Ansicht wie Gabrielsson. So beschlossen die zwei im Sommer 1924, ein Auto für schwedische Pisten selbst in die Hand zu nehmen. Im Frühjahr 1926 waren erste Prototypen fertig, mit denen sie die Geschäftsführung von SKF beeindruckten. Die holte einen elf Jahre alten, inzwischen nicht mehr genutzten Markennamen aus der Schublade und legte Geld dazu: So begann Volvo als offizielle Tochterfirma von SKF. Es war nicht einfach, eine Automarke aus dem Nichts zu gründen. Bis Produkt, Fertigung und Vertrieb etabliert waren, wurde es 1932. Ein wesentliches Hindernis war das schwedische Klima: In Schweden konnte man damals fast nur im Frühling und Sommer Autos verkaufen. Um eine ganzjährige Produktion zu gewährleisten, begann Volvo sehr früh mit dem Export. In jenen Jahren kannten die Schweden vor allem Autos aus US-Produktion. Nicht zuletzt daraus erklärt sich, dass Volvo sich mit seinen Entwicklungen während der ersten 20 Jahre stark an US-Vorbildern orientierte. Der Typ ÖV4 Jakob, der Ur-Volvo, hätte auch Chevrolet heißen können; der dramatisch gestaltete PV36 Carioca orientierte sich am Chrysler Airflow ; und der PV444 Buckelvolvo am 1941er Ford .
Das eigene Profil
Wirkliche Eigenständigkeit entfaltete sich erst in den frühen Fünfzigern, zunächst in einigen Prototypen, in Serie schließlich 1956 mit dem Amazon – nicht nur eins der schönsten Autos der Zeit, sondern auch von besonderer Qualität. Dank einer Initiative des neuen Chefs Gunnar Engellau flossen in dieses Auto erste Überlegungen zur Fahrzeugsicherheit ein: Der Amazon hatte von Produktionsbeginn an Aufhängepunkte für Dreipunktgurte und ein gepolstertes Armaturenbrett. Volvos Nachkriegs-Baureihen entwickelten ein phänomenal langes Leben: der Buckel blieb 18 Jahre in Produktion, der Amazon 15 Jahre, selbst das Coupé 1800 brachte es auf 13 Jahre. Die Krönung an Langlebigkeit aber ist der Amazon-Nachfolger 140/240, der in den technischen und formalen Grundzügen von 1966 bis 1993 gleich blieb. 1975 versuchte Volvo, sich ein besseres Standbein in Zentraleuropa zu schaffen und kaufte die Automobilsparte von DAF . Produktionsstrategisch mag das sinnvoll gewesen sein – die kleinen DAF passten aber nicht recht zu Volvo, zumindest nicht in den Augen der Öffentlichkeit. Bis heute wird die letzte DAF-basierte Konstruktion, der Volvo 340, von Volvo-Fans nicht für voll genommen.
Eigene Wege bis 1999
Das tresorhafte Äußere der 200er Volvos bewegt nur Ignoranten zu Spott. Unter dem Blech wohnt extrem fortschrittliche Technik wie die clevere Zweikreisbremse, die bei Ausfall eines Bremskreises immer noch 80% Bremsleistung parat hat. Auch produktionstechnisch ging Volvo eigene Wege: Das Werk Uddevalla, eröffnet 1985, war völlig neuartig strukturiert. Die Fahrzeuge entstanden nicht am Fließband, sondern in der Obhut von Teams, die ein komplettes Auto von Anfang bis Ende selbst montierten. Das Ergebnis war eine überdurchschnittliche Verarbeitung bei überdurchschnittlich zufriedener Belegschaft. Leider wurde Uddevalla bereits 1993 wieder geschlossen. Volvo konnte sich 1935 von SKF lösen und verzweigte sich bald in sämtliche Bereiche, die motorisierte Fortbewegung verlangen. Der Automobilzweig blieb erstaunlicherweise sehr lange unabhängig, obwohl man volle 50 Jahre brauchte, um eine Gesamtstückzahl von 3 Millionen PKW zu erreichen. Zu der Zeit produzierte Volkswagen solche Stückzahlen in einem Jahr. 1999 wars dann doch vorbei, Volvo verlor seine Eigenständigkeit an Ford .









