Volkswagen


Als Wasserkühlung und Frontantrieb mit dem Passat und Golf den Weg in die Modellpalette bei Volkswagen fand, war es auf einen Schlag ein Unternehmen mit Zukunft. Während dieser Jahre, 1973 bis 75, standen neben den Helden der Neuzeit noch die Helden des Altertums in den Schauräumen der Autohäuser: mit langen Nasen und luftgekühlten Boxern im Heck. Diese standen sich nicht einmal die Reifen viereckig, es gab tatsächlich Kunden, die von dem neumodischen Zeug nichts wissen wollten. Warum auch? Das alte hatte sich ein Vierteljahrhundert lang bewährt. Und wie! Der Volkswagen, das Auto ohne Typbezeichnung (erst in den Sechzigern erkannte die Volkswagen AG offiziell den Namen “Käfer” an), hatte alles erreicht, was ein Straßenauto erreichen kann: erst Deutschland, dann Europa und Amerika erobert, eine ganze Familie von Nachkommen in die Welt gesetzt und schließlich den maximalen Produktionsrekord gebrochen.

Viele günstige Zufälle

Ein paar entscheidende Faktoren für die Entwicklung von Volkswagen zu dem, was es heute ist, lassen sich ausmachen. Zunächst die Grenzziehung nach dem II.Weltkrieg: Hätten die Weltkriegs-Siegermächte auf der Konferenz in Potsdam anno 1945 die Zonengrenze ein paar Kilometer weiter westlich verlegt, wäre das Werk in Richtung Sibiren abtransportiert worden. Die britischen Besatzer sorgten für den Erhalt des Werkes, da sie selbst schwer vom Krieg geschlagen waren, brauchten sie die deutschen Autos. Dann war da noch Major Ivan Hirst: Er hatte die Erfahrung, die Kraft und die Zähigkeit, ein desolates Werk zum Laufen zu bringen. Heinrich Nordhoff gelang es zudem, ein eigentlich unzeitgemäßes Produkt so attraktiv zu machen, dass es die gesamte Konkurrenz hinter sich ließ. Und schließlich kam die erste Konsumkrise in den USA: Im Jahr 1955 kauften die Amerikaner so unmäßig viele Autos, dass im Jahr darauf der Markt kollabierte und die USA in eine kurze Rezession stürzte. Plötzlich fand man sparsame Autos attraktiv, und die gab es nur im Ausland – zum Beispiel bei Volkswagen. Dies sind zwar alles Zufälle, aber man könnte meinen, Volkswagen habe ein höheres Wesen beigestanden, welches die Würfel des Schicksals ab und an in die richtige Richtung schubste.

Lange Nasen und eine Kulturrevolution

Ab einem bestimmten Punkt konnte dieses Wesen die Würfel in Ruhe lassen, denn ungefähr 1958, 20 Jahre nach seiner Präsentation, hätte nichts mehr den Volkswagen aufhalten können. Er überlebte die Typen, die ihn ablösen sollten: Typ 3 und 4 mit ihren langen Nasen und zuletzt sogar vier Türen. Er überlebte auch die Entscheidungsträger in der Vorstandsetage, die sich Mitte bis Ende der Sechziger allzu sehr auf das Käfer-Grundkonzept verließen und kurz davor waren, das Werk in den Abgrund zu wirtschaften. 1973 kam schließlich die Kulturrevolution: Wasserkühlung, Frontantrieb. Volkswagen verwandelte sich und wurde zu einem ganz normalen Hersteller, der seine Kundschaft gegen die Konkurrenz verteidigen muss; der sich was einfallen lassen muss, um der Gesetzgebung zu genügen; der Journalisten zu Präsentationen nach Marbella fliegt. Der Golf hat sich ganz unbestreitbar als würdiger Käfer-Nachfolger erwiesen, er errang in seinen ersten vier Ausprägungen eine ähnliche Position wie einst das Urmeter fürs Automobil, der Käfer. Der Unterschied: Der Golf wurde ständig herausgefordert, vor allem aus Japan. Dass er zwischenzeitlich die Rekord-Stückzahl des Käfers überholt hatte, war nur begrenzt richtig, denn im Unterschied zum Käfer und dessen Stückzahl-Vorläufer Ford T brauchte der Golf mehrere Plattformen.

Wolfsburg: Zentrum eines Imperiums

1965 begann die Volkswagenwerk AG andere Marken zu kaufen: zunächst Auto Union (später als Audi weitergeführt) 1969 >NSU , Mitte der Achtziger Jahre Seat , 1991 Skoda , schließlich auch noch Bentley , Lamborghini und Bugatti. Ob dies in allen Fällen glückliche Erwerbungen waren, konnte man noch nicht absehen. Unbestreitbar sinnvoll waren die meisten der zahlreichen Auslandsgründungen, die Volkswagen tätigte, angefangen 1953 mit Volkswagen do Brasil.

Volkswagen ist bis heute einer der größten europäischen Autohersteller, jeder 5. in Europa zugelassene Wagen ist ein VW. Aber bei all dem Erfolg haben die Wolfsburger ihre Wurzeln nicht vergessen und ehren ihre Relikte der Vergangenheit im Zeithaus in der Autostadt, dem VW-Museum in Wolfsburg. Natürlich steht dort auch der Ur-Volkswagen, dem die Marke ihren Erfolg zu verdanken hat, der Käfer.

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