Lincoln Continental Mark IV: Der „Verbrauchsgegenstand“
"Mich hat anfangs in erster Linie die Größe beeindruckt“, gibt er zu. Fast sechs Meter lang, über zwei Meter breit – das ist eine Menge Blech für ein zweitüriges Coupé. Hinzu kommt der schier grenzenlose Luxus, den die Ingenieure von Ford (dessen Top-Marke Lincoln über lange Zeit war) in den Wagen hinein gesteckt haben. In dem Coupé, das 1974 in Dearborn vom Band lief, gibt es fast nichts, was ohne Unterstützung elektrischer oder pneumatischer Heinzelmännchen auskommen muss, bei den Klappscheinwerfern angefangen bis hin zur Sitzverstellung reicht jeweils der Aufwand des Knöpfedrückens.
So viel Komfort hat natürlich seinen Preis, und der schlägt sich im respektablen Gewicht nieder: Rund 2.300 Kilogramm bringt der Zweitürer in betriebsfähigem Zustand auf die Waage. Deshalb hat der Mark IV, im Gegensatz zu seinen etwas leichteren Vorgängern, auch keine selbsttragende Struktur mehr. Die Karosserie ruht vielmehr auf einem massiven Leiterrahmen, der Fahrzeugboden fällt deshalb etwas dicker aus und reduziert den Platz im Innenraum.
Das wiederum bewirkt, dass die Insassen in dem Lincoln Coupé eher liegen als sitzen, und der Kofferraum mit seinem mittig angebrachten Reserverad (die angedeutete Ersatzradverkleidung des „Continental Hump" im Kofferraumdeckel ist bei dieser Baureihe nur noch ein optischer Gag) seiner Bezeichnung nicht mehr gerecht wird: handelsübliche Koffer lassen sich dort schwerlich unterbringen, allenfalls einige Reisetaschen können hineingestopft werden.
Wie bewegt man eine solche Masse? „Mit einem der hubraumstärksten Motoren, die jemals in einen Serien-Pkw eingebaut worden sind“, lächelt Martin, öffnet die Motorhaube und gibt damit den Blick frei auf ein Triebwerk, das die Bezeichnung „Big Block“ ehrlich verdient hat. Rund siebeneinhalb Liter Hubraum, verteilt auf acht Zylinder, erzeugen bei Bedarf eine Leistung von rund 227 PS. „Mit einigen vergleichsweise glimpflichen Modifikationen lassen sich aus dem Motor bis zu 450 PS herausholen“, weiß der US-Car Fan aus dem Ruhrgebiet. Der Antriebsstrang ist auf ein Drehmoment von bis zu 800 Nm ausgelegt und könnte damit die Mehrleistung verkraften, doch das braucht Martin nicht. Ihm genügt die serienmäßige Leistung, die über ein Dreigang-Automatikgetriebe an die Hinterräder abgegeben wird.
Das reicht – laut Fahrzeugschein – für eine Spitzengeschwindigkeit oberhalb der magischen 200 km/h Marke. Ausgefahren hat Martin seinen Continental in den acht Jahren, die er ihn mittlerweile besitzt, noch nicht. „Das wäre mir zu abenteuerlich“, gibt er zu. „Das Fahrwerk ist doch mehr auf Komfort als auf Sportlichkeit ausgelegt. Wenn einem bei solchen Geschwindigkeiten eine Fuge in der Fahrbahn quer kommt, womöglich in einer Kurve, dreht es einen mit Sicherheit direkt quer – und damit ab in die Leitplanke! Das Risiko gehe ich lieber nicht ein.“
Angetan ist Martin dagegen bis heute von der Leistungscharakteristik des Lincoln. „Das ist ein Auto, mit dem man auch bei ruhigem Reisetempo auf der Autobahn jemandem, der einen nervt, plötzlich auf und davon fahren kann. Wenn ich bei 140 km/h Vollgas gebe, setzt immer noch der Kick-Down ein, und die Automatik schaltet in den zweiten Gang runter. Dann geht das Teil aber vehement nach vorne, trotz seines enormen Gewichts.“
Sparsame Verbrauchswerte sind von einem solchen Schlachtschiff natürlich nicht zu erwarten, unabhängig von der Fahrweise. „Unter 20 Liter ist er, vor allem in der Stadt, nicht zu bewegen“, räumt Martin ein. „Wenn man es eilig hat, können es auch 28 Liter auf 100 Kilometer sein.“ Diese Fakten verschweigt der Herner auch nicht, wenn er – was oft vorkommt – nach dem Verbrauch seines Amis gefragt wird. „Aber dann sage ich zu meinem Gegenüber: Und wofür geben Sie Ihr Geld aus? Der Wagen ist halt mein Hobby – und Hobbies kosten nun einmal Geld, ob man nun Golf spielt, reitet oder eine Modelleisenbahn besitzt.“
Martin nennt dafür ein Coupé der Superlative sein Eigen, das in den siebziger Jahren zu den unangefochtenen Stars im Autoquartett gehörte – und das manche Leser bis heute auch nur von diesen kleinen, eselsohrigen Zeitvertreibern während der Schulpausen kennen dürften.
Autor: Michael Grote
Diese Heldengeschichte über den Lincoln Continental Mark IV entstand mit freundlicher Unterstützung des Carsablanca-Mitglieds MarkIV.
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Diskussionen
Ich finde die Frage nach dem Verbrauch auch immer wieder interessant. Bei einem Oldtimer, den man 1000 - 2000 km im Jahr bewegt, spielt es doch keine Rolle, ob er 15 oder 25 Liter verbraucht.
Die Kosten für Anschaffung, Reparaturen/Restaurierung, Versicherung, Steuern, Garage etc. fallen da viel mehr ins Gewicht.
Viel Spass mit Deinem Schiff. Als Toronado-Fahrer kann ich Deine Beweggründe (im wahrsten Sinne des Wortes....) bestens nachvollziehen.