Volkswagen 1302 Cabrio: Dank der Familie
Das Erbe
Das dachte sich auch Sebastian, als er zum Abitur das bisherige Auto seiner ältesten Schwester bekommen sollte. Das zu diesem Zeitpunkt knapp acht Jahre alte 1302 L Cabrio war 1971 von seiner Tante neu erworben und nach rund drei Jahren an ihr Patenkind weiter gegeben worden. Inzwischen sah Sebastians Schwester aber Mutterfreuden entgegen und zog ein Auto mit geschlossenem Dach und mehr Platz vor. „Daraufhin haben meine Verwandten zusammen gelegt und meiner Schwester das Cabrio abgekauft, um es mir zur bestandenen Reifeprüfung zu schenken“, ist Sebastian heute noch dankbar. „Das fand ich damals sehr großzügig, denn um den offenen Käfer habe ich meine Schwester Sabine lange beneidet.“
Menschenauflauf in der DDR
Die erste Fahrt nach dem Abitur führte nach Osten, denn die damalige Freundin hatte Verwandte in der damals noch sehr real existierenden DDR, nahe Bautzen. „Da hatten wir natürlich die Schau im Kasten“, erinnert sich Sebastian. Auf der Transit-Strecke ging’s ja noch, aber als wir die verlassen hatten, über Land fuhren und ich irgendwann an einer Minol-Tankstelle halten musste… Erst war alles menschenleer, aber als ich wieder aus dem Kassenhäuschen kam, stand eine große Menschentraube um den Käfer herum – die müssen aus dem Boden gewachsen sein!“
Die Tour ins andere Deutschland hat das offene Käferchen schadlos überstanden, nicht aber einen Ausflug einige Wochen später in die hessische Finanzmetropole Frankfurt. „Es begann zu regnen, und nasse Straßenbahnschienen können tückisch sein, vor allem, wenn man zum ersten Mal mit ihnen Bekanntschaft macht“, erinnert sich der gebürtige Nordhesse, der heute im äußersten Süden des Sauerlandes wohnt, nur wenige Kilometer von der hessischen Grenze entfernt. „Die Ampel wurde rot, ich trat auf die Bremse, aber der Käfer rutschte einfach weiter, direkt unter die Pritsche des Lastwagens vor mir“, denkt Sebastian mit Schaudern an jenen Tag zurück, an dem es ihm das Lenkrad ins Gesicht schlug. Den 1302 hatte es ungleich übler erwischt: Die gesamte Front war stark deformiert, inklusive des vorderen Rahmenteils.
Zum Glück waren Teile für Käfer damals problemlos auf jedem Schrottplatz zu finden, und ein Freund von Sebastians Vater erledigte gekonnt die Reparaturarbeiten zu einem Freundschaftspreis: „Das ist der Vorteil wenn man in einem Dorf wohnt – jeder kennt jeden, und man hilft sich eben“, singt der 48jährige ein Loblied auf das Landleben. „Ich habe natürlich mitgeholfen und einen Teil der Schuld auch später noch durch Handlangerdienste in der Werkstatt abgetragen. Nur die Lackierung mussten wir einem Fachbetrieb überlassen – das ging ordentlich ins Geld. Mein Vater hat es mir damals vorgestreckt, sonst wäre dieser Unfall das Ende für meinen Käfer gewesen“, ist der VW-Fan sicher.
Fünf Jahre musste der in zeittypischem Anconablau-metallic lackierte 1302 als Alltagsfahrzeug herhalten, inklusive Grundwehrdienst im bayerischen Günzburg, was viele Wochenendheimfahrten mit sich brachte. Dann kam ein Zweitwagen, ein Renault 4 Kastenwagen, ins Haus. „Apropos Haus: Ich war damals gerade mit meiner Ausbildung als Bankkaufmann fertig, hatte geheiratet – und weil im Großraum Winterberg damals Grundstücke sehr günstig angeboten wurden, haben wir uns entschlossen, dort zu bauen. Und als Lieferwagen für Baumaterial eignet sich ein 02 Cabrio nur bedingt“, erklärt Sebastian. Eigentlich wollte er den Käfer damals sogar verkaufen, aber da legte der Vater sein Veto ein, und so blieb das Wolfsburger Krabbeltier in der Garage von Sebastians Elternhaus, die von jeher sein Zuhause gewesen war.
Das ist auch der Grund, warum der bei Karmann in Osnabrück gebaute offene Käfer bis heute sein erstes Kennzeichen hat: „Er ist immer noch auf meinen Vater zugelassen, und der fährt ab und zu sogar noch damit, trotz seiner inzwischen 80 Lenze“, berichtet Sebastian mit einer Mischung aus Staunen und Kopfschütteln. Und demnächst muss der Sohn und zweifache Vater das Auto seiner Jugend wohl mit der nächsten Generation teilen: Sebastians ältere Tochter bereitet sich derzeit auf ihr „begleitetes Fahren“ mit 17 Jahren vor und hat bereits Ansprüche auf das Käfer Cabrio angemeldet. Opa ist einverstanden, und Papa wird ja wohl irgendwie um den Finger zu wickeln sein…
Diese Heldengeschichte über das Volkswagen Käfer 152 1600 Cabrio 1302
entstand mit freundlicher Unterstützung des Carsablanca-Mitglieds Sauerlaender.
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Volkswagen Käfer im Carsablanca-Lexikon
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