Aero 30: Roadster aus dem Osten

Welcher Oldtimer zu welchem Menschen findet, ist von vielen Faktoren abhängig. Bei Artur Gratilow war es die Affinität zu Tschechien und den dort gebauten Fahrzeugen, die seine Wahl beeinflussten. Heute nennt er einen Aero 30 sein Eigen.
Aero 30: Roadster aus dem Osten

Der Beginn einer wundervollen Freundschaft
"Bei mir angefangen hat es mit einer Jawa, die ich in den neunziger Jahren als Neufahrzeug in Tschechien gekauft habe“, berichtet Gratilow. Mit dem Stolz der tschechischen Motorradindustrie hat er zahlreiche Touren unternommen, auch in ihrem Herstellungsland. „Dabei sind mir des öfteren Autos von Aero begegnet, und irgendwann habe ich wohl Feuer gefangen“, bekennt Artur Gratilow lächelnd. Durch die Vermittlung von tschechischen Freunden kam Gratilow im Jahr 1995 an einen höchst seltenen Aero 18. Dieses in relativ geringen Stückzahlen von 1931 bis 1934 gebaute Auto war in einem bedauernswerten  Zustand, der den neuen Eigentümer zur Restauration schreiten ließ. Das wiederum erwies sich als eine längere Aktion: „Fünf Jahre habe ich gebraucht, bis der Wagen so war, wie ich ihn mir vorstellte“, resümiert der Fan der tschechischen Zweitakter heute.

 

Luftige Verwandschaft
Doch der 1932 gebaute Hecktriebler war für Gratilow dann doch nicht die Erfüllung seiner automobilen Träume. So suchte er nach einem frontgetriebenen Aero und wurde in der tschechischen Bierstadt Pilsen fündig. Der dunkelblaue Aero 30 ist eines von knapp 8.000 Exemplaren, die zwischen 1934 und 1941 in der Fabrik in der Nähe der tschechischen Hauptstadt Prag vom Band lief. Die Schwalbe als Signet über dem Kühler des zweisitzigen Roadsters ist dabei ein Hinweis auf die Firmentradition: Aero hatte in den 1920er Jahren als Flugzeugfabrik begonnen und ist heute der größte Hersteller von Schulflugzeugen weltweit. Der Bau von Automobilen war nur ein kurzes Intermezzo in der Firmengeschichte: von 1928 bis in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die wenigen Nachkriegs „Aero“ hingegen entstanden lediglich für den Export in den Jawa-Werken: man wollte den guten Ruf, den sich die Marke Aero als Automobilhersteller erworben hatte, weiterhin zu Nutze machen.

Eine folgenschwere Entscheidung
Gratilows Neuerwerbung aus dem Jahr 1935 machte Anfangs einen guten Eindruck: „Der Wagen war komplett, weitgehend original und fahrbereit. Die Lackierung sah gut aus. Auch im Innenraum war alles in Ordnung: Alle Instrumente an ihrem Platz und funktionstüchtig, nichts verbastelt, die Lederpolster schienen noch nicht alt zu sein, und das Holz des Armaturenbretts – das diese Bezeichnung noch verdient – war weder aufgequollen noch brüchig.“ So beschränkte sich Artur Gratilow auf eine gründliche Durchsicht und einige Inspektionsarbeiten, bevor er den Zweizylinder-Zweitakter für eine erste Tour anwarf. Das erwies sich als keine gute Idee: „Ich weiß bis heute nicht, wo der Fehler lag“, bedauert Gratilow. „Doch ich bin schon auf dieser ersten Tour liegen geblieben, und zwar mit einem kapitalen Motorschaden.“ Weil Ersatzteile für den originalen Einlitermotor mit 30 PS Leistung sehr selten und daher nicht ohne weiteres beschaffbar waren, ersetzte Artur Gratilow das defekte Herz seines dunkelblauen Zweisitzers provisorisch durch ein leichter zu organisierendes Triebwerk: „Ich habe den Dreizylindermotor aus einem Wartburg 353 eingebaut, versehen mit dem Vergaser des Vorgängermodells 311. Das Volumen des Hubraums ist annähernd das Gleiche, die 15 PS Mehrleistung sorgen aber für einen erheblich besseren Durchzug und eine höhere Reisgeschwindigkeit. Eigentlich war das ganze nur als Zwischenlösung gedacht, aber es hat sich durchaus bewährt.“ Wieder einmal erweist sich eine improvisierte Lösung dauerhafter als zunächst erwartet.

Im Schoss der Familie
Seinen Erstling, den Aero 18 gibt es übrigens auch noch. Er befindet sich in Familienbesitz: „Mit dem sind meine Enkel wechselweise unterwegs“, freut sich der rüstige Pensionär über die gelungene Nachwuchsförderung. Mit seinem Roadster Aero 30 ist Artur Gratilow nach eigenen Angaben erstaunliche 10.000 Kilometer pro Jahr unterwegs, unter anderem in den Niederlanden, und natürlich zu den Jahrestreffen der Internationalen Aero Interessengemeinschaft. Für sein Hobby kämpfen muss der Mann aus dem niedersächsischen Kreis Gifhorn zum Glück nicht, im Gegenteil: „Familie, Freunde – eigentlich alle in meinem persönlichen Umfeld sind oldtimer-begeistert. Da macht es doch gleich mehr Freude, als wenn man sozusagen Einzelkämpfer ist.“

Autor: Michael Grote

Diese Heldengeschichte über den Aero 30 Roadster entstand mit freundlicher Unterstützung des Carsablanca-Mitglieds Aero30

 

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Autor: Michael Grote (Reporter) am 30.11.2009


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