Auto des Jahres: Wer wählte denn so was?
Der Beginn
Als zu Beginn der Sechziger Jahre in der Redaktion der holländischen Autozeitschrift Autovisie der Plan zur Wahl eines europäischen Preises für neue Autos reifte, waren die Redakteure sofort mit Feuereifer bei der Sache. Hier bot sich die Möglichkeit, einem herausragenden Fahrzeug zu großer Bekanntheit zu verhelfen. Doch halt, große Bekanntheit mit einer einsamen holländischen Zeitschrift? Ein sehr vermessener Plan. Für so eine Aufgabe brauchte es größere Reichweite. Es wurden also Partner gesucht und ins Boot geholt, die das Projekt mittragen sollten.
In großer Runde
Die Kollegen aus dem europäischen Ausland wurden zum Mitmachen eingeladen, am Ende organisierten folgende Magazine die Wahl:
Auto (Italien)
Autocar (Vereinigtes Königreich)
Autopista (Spanien)
Autovisie (Niederlande)
L'Automobile Magazine (Frankreich)
Stern (Deutschland)
Vi Bilägare (Schweden)
Die Jury selbst setzt sich seither aus renommierten Journalisten des gesamten europäischen Raums zusammen, die jeweilige Größe des Heimatmarktes bestimmt dabei die Anzahl der Juroren aus dem jeweiligen Land.
Die Kandidatenwahl
Es standen nur Fahrzeuge zur Wahl, die in Europa erhältlich waren und von denen ein Absatz von mindestens 5.000 Exemplaren erwartet wurde. Folgende Kriterien wurden bei der Aufnahme eines Fahrzeugs in die Auswahl berücksichtigt: Die Gestaltung, der Komfort, die Sicherheit, die Wirtschaftlichkeit, das Fahrverhalten, die Leistung, die Bedienung, das Fahrvergnügen und der Preis. Später trat noch das Kriterium der Umweltverträglichkeit hinzu. Zunächst wurde per einfacher Abstimmung eine Liste von sieben Finalisten gewählt. Im anschliessenden Auswahlprozess der Finalisten hatte jeder Juror 25 Punkte zu vergeben. Dabei mussten die Punkte auf mindestens fünf Autos verteilt werden und ein Fahrzeug durfte von einem Juror nicht mehr als zehn Punkte erhalten. Die Jury bestand zu Anfang aus Mitgliedern des west-europäischen Raumes, mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Öffnung der Grenzen und Märkte rekrutierte sich die Jury im Jahr 2006 schon aus 22 Ländern.
Das Beste? Das Schönste?
Was genau jeden Einzelnen dieser Juroren bewog, seine Punkte für diesen oder jenen Wagen abzugeben, ist natürlich nicht mehr nachvollziehbar. Aber eine objektive Bewertung hat das Gremium gar nicht angestrebt. Die versammelten Journalisten fühlten sich vielmehr bemüssigt, fortschrittliche und zukunftsträchtige Entwicklungen in der Automobil-Industrie zu honorieren. Viele Fahrzeuge, die den begehrten Preis erhielten, konnten nämlich jede positive Berichterstattung brauchen. Denn teilweise wurden hier neue Technologien und neue Konzepte erstmals angeboten, die den weiteren Verlauf der Fahrzeugentwicklung massgeblich beeinflussen sollten. Oftmals von Firmen entwickelt, die sich mit neuen Technologien einen Namen machen wollten und bislang der Mehrzahl der Autofahrer unbekannt geblieben waren. Dem gegenüber stand das konservative Beharrungsvermögen der Traditionalisten in der Industrie und am Markt, die am Status Quo festhalten wollten.
Neue Ideen in neuen Autos
Schon der erste Sieger legte 1964 die Messlatte in dieser Hinsicht hoch, der Rover P6 vereinte unter seiner sonderbaren aber nicht unansehnlichen Blechhülle einige technische Schmankerl. Doch die Ehrung verhalf dem Rover nicht zum erhofften Durchbruch auf den kontinentalen Märkten, hier blieb es für ihn trotz des Preises bei einem Exotendasein.
Und was kommt jetzt?
Auf Carsablanca werden wir in Zukunft die Wahlen des Auto des Jahres chronologisch nachvollziehen. Da wir heute so viel klüger und weiser sind, können wir natürlich viel besser beurteilen, wo die Jury richtig lag oder wo sie sich irrte. Und da Carsablanca eine Mit-Mach-Seite ist, sind Sie herzlich eingeladen, sich selbst einige Gedanken über das Auto des Jahres zu machen. Aber wir wollen es uns nicht einfacher machen und übernehmen daher die Kriterien der Jury für unsere Abstimmung. Das heißt zum Beispiel für das Jahr 1964: Es dürfen nur Autos nominiert werden, die ab 1963 in Europa erhältlich und neu auf dem Markt waren und von denen mehr als 5.000 Stück produziert wurden.
Ihre Meinung ist gefragt
Die Carsablanca Redaktion stellt demnächst jeweils acht Autos vor, die diese Kriterien erfüllen, darunter natürlich auch die ersten Drei der ursprünglichen Wahl. Werden sich diese auch in unserer Leserabstimmung behaupten können?
Bitte beachten Sie die Bilderstrecke mit den offiziellen Siegern der Wahl von 1964 bis 1991:
Bilderstrecke: Autos des Jahres 1964 - 1991







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Diskussionen
Nun ja..... es gab damals schon recht interessante Fahrzeuge.....sowohl vom Design und der Technik !!! Den Rover P6 z.B. Er war seiner Zeit technisch weit vorraus und auch qualitativ nicht das Schlechteste... Er gehört auch heute noch zu den völlig verkannten Fahrzeugen und ist recht günstig zuhaben.... Ich selber mag das Ding recht gerne, obwohl ich nicht wirklich der Typ bin der Fahrzeuge von der Insel mag.... munter bleiben.... LG Mark
Hallo stefano1966,
Auch mir sagt der Horizon nicht wirklich zu, aber bei Clio und Scorpio möchte ich doch wiedersprechen.
Der Clio mag auf den ersten Blick als gelungene Kopie des Peugeot 205 durchgehen, bot aber auf bescheidener Grundfläche mehr Raum und Komfort, dank vergleichsweise riesigem Radstand.
Für den Scorpio konnte ich mich damals echt begeistern, obwohl ich noch keinen Führerschein hatte und als Käufer nicht in Frage kam. Ich empfand den deutlichen Bruch in der bis dahin drögen Designsprache von Ford sehr wohltuend!
Bei mir sind die Gedanken an einzelne "Autos des Jahres" auch sehr gemischt. Ich will nur drei Beispiele geben, warum diese Autos bei mir keine Auszeichnung bekommen hätten:
- Den Talbot Horizon empfand ich immer als zu wenig eigenständig und zu sehr am Golf angelehnt (breite C-Säule und Silhouette) und war weit weniger innovativ als einige frühere Simca-Modelle.
- Bei Renault-Modellen wie R9 und Clio war die Eigeständigkeit und Genialität der Vorgänger (z. B. R5) nirgends zu spüren
- Der Ford Scorpio ist voller Kompromisse und verprellte die Granada-Kundschaft. Fords Ausstieg aus der Oberklasse.
Ich denke, das hätten die Juroren auch damals schon erkennen müssen.