US-Cars

Amerikanische Autos? Bitte nicht: unmäßig, krude konstruiert, schludrig verarbeitet, grenzvulgär, meistens verbastelt und ab dreistelligen Geschwindigkeiten unfahrbar. Und immer mit Automatik.
US-Cars

Noch verbotener sind diese modifizierten Mühlen: hinten hochgebockt als hätte ihnen einer in den Hintern getreten, gewaltige Kompressorgebirge über der Haube, Auspuffrohre wie Fabrikschlote, Sonderlackierungen Marke Loddelstolz - sowas braucht nur, wer ein ernsthaftes Selbstwertproblem hat.

Ist das so?

Wahrscheinlich liegt es an simplen Berührungsängsten. Der mitteleuropäische Oldtimerfreund betrachtet die Ungetüme aus dem wilden Westen zwar ganz gern, aber stets wie ein Zoobesucher: Bunt und exotisch, diese Tiere, aber man weiß nicht, ob sie vielleicht beißen.

Äußerst seltsam. Warum haben dieselben Leute keine Berührungsängste vor einem Citroen DS? Was macht einen TR6 mit der notorisch zickigen Lucas-Benzineinspritzung zugänglicher als einen 1969er Dodge Charger? Wieso ist ein Fiat 500 a priori praktischer als ein gleich alter Chevrolet Impala

Größe ist schön, aber nicht entscheidend 

US-Autos mögen bunt sein – exotisch sind sie nicht. Im Gegenteil wird man es schwer haben, europäische Marken zu finden, die über viele Jahrzehnte hinweg so konsequent bodenständig geblieben sind wie die amerikanischen (mit der möglichen Ausnahme von Ford und Opel). Was uns Europäer einschüchtert, sind große Zylinder und große Blechflächen – der Altweltler, aufgewachsen mit Autos um vier Metern Länge,  wittert skandalöse Verschwendung, wenn ein Auto einen Meter länger ist als es bräuchte, und einen Motor hat, der dreimal so groß ist wie notwendig.

Dabei sind die Außenmaße der Karosserie und die Innenmaße des Motors genau die Eigenschaften von US-Autos, die einen Besitzer langfristig am wenigsten fesseln. Viel interessanter ist, dass diese Autos enorm schrauberfreundlich sind – ein Chevrolet ist einfach und klar aufgebaut, ein idealer Einstieg für einen Neuling. Dazu bietet er eine Teileversorgung, die man so umfangreich und erschöpfend in Europa höchstens noch bei Mercedes-Benz oder Triumph findet – aber zu Preisen, dass jedem Mercedesfahrer Tränen der Sehnsucht in die Augen schießen.

1.770.000 Stück 

Chevrolet 1955Aber selbst wer sein Auto originaltreu mag, muss seinen Kopf für andere Dimensionen öffnen. Der amerikanische Mainstream (also die Produkte von General Motors, Ford und Chrysler) ist dermaßen breit, dass man sich monatelang allein damit beschäftigen kann, ein Lieblingsauto auszusuchen: Die Motor-, Karosserie-, Ausstattungs- varianten sind unermesslich. Und wenn man dann nach langer genussvoller Erwägung seinen Favoriten hat, dann hat man sogar gute Chancen, genau die gewünschte Variante zu finden, denn der US-Markt ist von einer Größe, die europäisches Vorstellungsvermögen sprengt. Zur Veranschaulichung: Der 1955er Chevrolet, vom Volksmund Bel Air genannt, entstand in einer Auflage von 1,77 Millionen Exemplaren. Vom vergleichbaren Opel Olympia Rekord des Jahrgangs gab es 142.000 Stück, Volkswagen verkaufte 300.000 Käfer.

Buick 1955Pontiac 1955

 

Der Chevrolet teilte sich Technik, Ausstattung und weite Teile der Karosserie mit dem 1955er Buick (730.000 Stück) und dem Pontiac (554.000 Stück). In Summe drei Millionen Exemplare – darum ist man bis heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, mit einem Bel Air (oder 210 oder 150) im Ersatzteilparadies. Möchtest du als Ersatz für deine verstorbene Lichtmaschine ein überholtes Originalteil ($150) oder darf es ein Neuteil sein, leichter, kompakter, drehmomentstärker (je nach Ausführung $50 - $120, du hast die Auswahl unter einem Dutzend Anbieter)? Der Frachtweg über den Atlantik ist perfekt ausgebaut, die Bestellung einfach, die Bezahlung auch. Was wünscht man sich mehr? Eine Lichtmaschine für den Käfer oder den Opel vielleicht? Viel Glück beim Suchen.

Herrichten wie es einem gefällt 

Wer es nicht hundertprozentig originalgetreu haben möchte, dem steht ein noch viel weiteres Feld offen. Gesperrte Hinterachse? Scharfe Nockenwelle, Kolben für erhöhte Kompression, dicke Vergaser gewünscht? Gar ein Kompressor? Alles in großer Auswahl vorhanden, in allen Abstufungen der Originaltreue: Technik vom Stand 1955 oder 2007, old school oder hi tech, ganz nach Wunsch.

Camaro1951 Mercury Custom

 

Das Beste daran: Man kann sich sein Auto herrichten wie man will, und niemand wird dran rumnörgeln. Das hat zum Teil damit zu tun, dass sich hier kaum einer in der unglaublichen Tiefe der Marken und Typen auskennt. Entscheidend aber ist die Tatsache, dass sich in Amerika schon in den Vierzigern eine Custom-Kultur entwickelte. Seit 60 Jahren weiß der US-Amerikaner, dass es erlaubt ist, sich sein Auto nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Und damit eröffnet er sich jede Menge Spaß.

Wem alles Großserienmäßige zu fad ist, wer ein Ersatzteil wie eine Trophäe erringen möchte statt die Teilenummer aus dem Katalog zu suchen, wer von Hubraum und Blech nicht genug bekommen kann und trotzdem nicht Gefahr laufen will, beim nächsten Treffen zwei oder drei Autos wie das eigene zu treffen, dem seien untergegangene Marken empfohlen: AMC mitsamt allen Vorgängermarken zum Beispiel, oder Studebaker. Da kann man erstaunliche Autos entdecken, die hier garantiert keiner hat.

Vorsicht Kulturschock 

Chevrolet 1955Es zählt zu den größten und schönsten Abenteuern, sein Traumauto in den USA zu kaufen. Sowas verbindet auf Lebenszeit. Wer sich das allein nicht zumuten mag, findet Unterstützung in vielen US-Car-Clubs, von denen manche sogar Reisen in die Staaten machen, an deren Ende ein Container nach Bremerhaven bereit steht. Wer dafür keine Zeit hat, wird staunen, wie groß das Angebot bei uns im Land ist – mit ein bisschen Mühe kann man hier so ziemlich jedes Auto der Großen Drei auftreiben, das man sich wünscht.

Nur vor einer Sache muss man warnen: Wer seinen Automatik-Bel Air mit 180-PS-V8, elektrischen Fensterhebern, elektrisch verstellbaren Sitzen, Radio mit Sendersuche und anderen Spielereien aufs nächste Treffen fährt und sich neben einen Ovali-Käfer stellt – der kann Kulturschocks auslösen. Der karge VW neben dem werksgetreu vollausgestatteten Komfortschiff desselben Jahrgangs, das muss der Käferbesitzer erstmal aushalten.




Autor: Till Schauen (BatsBelfry) am 18.11.2009


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stefano1966
stefano1966 18.11.2009

Schöner hätte ich es auch nicht formulieren können... ;-)

Ein toller Beitrag, der die ganze Spannbreite (und auch Auswüchse) der US-Car-Szene aufzeigt. Die Autos waren in vielen Bereichen sehr weit entwickelt: Komfort, Ausstattung, Styling (nicht zu Verwechseln mit Design). Wenn man einmal so ein Auto gefahren hat, möchte man nicht mehr in ein vergleichsweise karges, untermotorisiertes und enges Produkt aus Europa umsteigen. Zwischen 40er bis 70er Jahre waren die US-Cars in diesen Eigenschaften einfach Spitze, und man fragt sich, warum sie es irgendwann ab Ende 70er ihre Identität verloren haben...