Sounds geil
Liebe geht nicht nur durch den Wagen, sie geht auch durch die Ohren. Denn seinen Oldtimer erkennt der Besitzer am Geräusch. Wiebke Brauer hat einmal nachgehorcht.
Vielleicht sollte ich bei „Wetten dass..?“ auftreten. Der Tommi setzt mir eine Brille mit aufgeklebten kleinen Reifen auf, und ich muss meine Fahrzeuge aus 1000 Autos und Mopeds herauslauschen. Ich identifiziere sofort das „Kriiääk – Schlonzt“ der Fahrertür, sie hängt ein bisschen, und das hört man auch. Ich erhorche das „Plonk plonk plonkplonkplonk“ des BMW-Boxermotors. Kalter Motor natürlich, stellt man das Motorrad nach der Fahrt aus, ertönt ein ganz leises „Tziing“. Am Schluss werde ich Wettkönigin und gewinne 800 Euro. So sieht die Vorhölle aus. Aber egal.
Am coolsten klingt für mich der kleine Schwarze. Lässt man den SL an und gibt Gas, wird nicht einfach gebrummt. Der Sound ist eher ein: „Wwwwuuuooohhhh“. Der Schwarze röhrt wie eine große Turbine, und wenn ich so richtig ins Pedal trete – Tschüss, fünf Liter! – gesellt sich ein tiefes Grollen dazu. Mercedesmäkler sehen das anders, aber für mich ist der Sound schmutzig und sexy, der Wagen vibriert, ich werde in den Sitz gedrückt, das Leder ächzt. Äh, wozu brauchte man Männer nochmal? Ach, jetzt fällt es mir wieder ein, zum Autos reparieren, harhar. Bisschen weiblicher Chauvinismus im unteren Drehzahlbereich hat noch nie geschadet.
Der Sound eines Oldtimers ist verführerisch - und seien wir ehrlich, da setzt bei mir auch gern mal der Verstand aus. Einmal hätte ich mir aufgrund meiner Schwäche für automobile Akustik fast einen Mustang gekauft. Er hatte keinen Lack mehr, keine Sitzbezüge, die totale Hütte – auch noch das falsche Baujahr, ein Mädchenmustang ohne Arsch – pardon – in abgeblättertem umbra. Aber ich ließ das erste Mal im Leben einen V8-Motor an und drehte total durch. Wie heiß war das denn? Den musste ich sofort haben, auf der Stelle. Ich hätte den Verkäufer auch mit Euroscheinen beworfen, wenn es denn bei dem Motorengeräusch geblieben wäre. Aber es folgte ein „Üüütsch“ der Lenkung, ein „Klonk“ aus der Automatik und dazu ein dauerhaftes wie leicht zickiges „Ts ts ts ts ts“. Schon fiel die auflodernde Liebe wie ein Aschehaufen in sich zusammen. So schnell kann es sich ausmustangen.
Ich muss jetzt nochmal kurz in die Garage. Motor anlassen, Augen zu, den Atem anhalten, horchen. Das Licht geht aus.
Sounds geil.

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Diskussionen
Hi Zwiebel, der Kommentarfehler sollte behoben sein.
Super Geschichte! Mir geht es ähnlich: Die Sounds der 70er gehen durch Mark und Bein.
Kann mich meinem Vorredner voll und ganz anschließen - liest sich wie ein Hörbuch, große Klasse ! Und auch inhaltlich gebe ich dir recht.
Fehlt nur noch die Sache mit dem Geruch - ihr könnt mich steinigen, aber ich schwöre, dass mein 37 Jahre alter Audi 100 genauso riecht wie mein erstes Auto (auch so ein Audi) anno 1982.....
Sehr gute Geschichte. Bist Du Buchautorin von Beruf? Mit so packenden Wortspielen könntest Du ein Oldtimer-Buch schreiben! Da gibt es viele auf dem Markt, die zum gähnen langweilig sind... Das mit den Geräuschen habe ich auch seit früher Kindheit drin. Meine beiden V8 und der 12-Ender treten in der heutigen Turbo-Diesel-Masse extrem hervor. Und natürlich all die Nebengeräusche, da könnte ich auch zu Tommy. Die Auf-und-zu-Türgeräusche eines VW-Bus T2 kann man aus Millionen von Konkurrenzgeräuschen heraushören ;-) 5 Sterne für Deine tolle Geschichte!
Toller Artikel! Ich kann das ungehobelte "Grauguss-bei-der-Arbeit"-Geräusch meines Grannis auch meilenweit raushören, wenn ich denn mal nicht selbst fahre. Getriebegeräusche sind auch was Tolles! Beim Toronado kommt beim vollen Beschleunigen so ein "Trööt" aus dem Getriebe, weil die 385 SAE-PS aus dem Motor raus und über eine Kette um 180 Grad um die Ecke zu den (vorderen!) Rädern gelenkt werden müssen. Sowas muss man hören. Wofür wäre denn sonst die ganze Technik? Oder das Vorbeifahrpfeifen. Anhand diesem "Süüüüt" dem man z. B. bei einen herannahenden VW K70 problemlos die Geschwindigkeit ablesen, äh... abhören.