S wie Super und L wie Liebe

Der Liebhaber des klassischen Automobils personalisiert seinen Wagen, er putzt und schmückt ihn, gibt ihm zärtliche Namen und führt Zwiegespräche mit ihm – oder ihr? Wiebke Brauer denkt über das Geschlecht des Autos nach.
S wie Super und L wie Liebe

Welches Geschlecht hat mein Geschoss? Keine ganz unwichtige Frage, schließlich spreche ich auch mit meinen Autos, da möchte man natürlich wissen, wen man vor, bzw. unter sich hat. Bei meinem 123er Coupé ist die Antwort relativ einfach, der Wagen ist definitiv männlich. Ich weiß zufällig, dass die Gattin des Vorbesitzers das Auto zärtlich „Brownie“ nannte. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie einst zu ihrem Mann sagte: „Komm, Schatz, wir nehmen die Brownie zum Einkaufen.“ Wobei man natürlich nicht genau wissen kann, ob die Vorbesitzer einen Hang zum Ostzonalen Schrägstrich Ponyhof-Slang hatten.
Für mich sind Brownies nicht weiblich, und das Coupé ebenso wenig. Warum? Das liegt schlicht an seiner Zuverlässigkeit. Was die automobile Genderfrage angeht, bin ich einfach gestrickt: Männliche Autos funktionieren die meiste Zeit, sie zicken nicht herum, sie haben keine Elektrik-Probleme, sie brummen zufrieden und tragen dunkle Farben. Weibliche Autos wiederum lassen sich alle 500 Kilometer etwas Neues einfallen, was ihnen nicht passt, sie müssen ständig bepuschelt, gehätschelt und gepflegt werden. Kurz: Das weibliche Auto ist anstrengend, bietet aber mehr Fahrspaß. Sexistisch? Was heißt denn hier sexistisch? Und außerdem: Natürlich bin ich sexistisch, ich meine, wer darf es denn sonst, wenn nicht ich? Ich wünsche den Sexismus sogar gepachtet zu haben!
In diesem Sinne ist mein Mercedes SL eine Superzicke, eine verschwendungssüchtige Luxus-Schlampe, eine verlotterte Porno-Diva ohne Gleichen, die auf einer ledernen Ottomane lungert, während die bordeauxfarbene Liegefläche unter ihrem Geräkel leise und ein bisschen unanständig knarzt. Ihre besten Tage hat sie mit Begeisterung hinter sich gelassen, ständig muss man ihr irgendwelche Flüssigkeiten einflößen, sie qualmt wie ein Schlot, sie hustet dunkel und ist schnell auf 180. (Zumindest im Vergleich – zu sagen wir – meinem Taunus 17M P3 von einst). Sie hasst kurze Vergnügen, wünscht es nachts trocken, warm und dunkel, sie trägt Gummi, Lack und Leder. Wenn ich darüber so nachdenke, steht SL auch eigentlich nicht für „Sport“ und „Leicht“, sondern eher für „Super“ und „Luder“. Und dieses Superluder gibt außerdem sehr unfrauliche Geräusche von sich. Sie zirpt und wispert nicht. Wenn sie zündet, hustet sie nicht besonders diskret, sondern…
…gerade fällt mir auf, dass ich schrecklichen Liebeskummer habe, weil ich die Super-Lotte erst im März wieder fahren darf. Ich bin in eine alternde Diva verknallt, ich vermisse sie schrecklich, mein Herz schmerzt, ich sehne mich nach ihrem schwarzem Lack und ihrem mächtigen Motor. Ehrlich? Ich bin mir nicht sicher, wie ich diese lange und trostlose Zeit noch überstehen soll.
Sapperlot. Vielleicht sollte ich mir mal ernsthaft über meine sexuelle Ausrichtung Gedanken machen.

Alle Artikel von Wiebke Brauer finden Sie hier.

Übrigens: Seit dem 20. Dezember erscheinen Wiebkes Artikel alle zwei Wochen neu im Carsablanca Magazin.

 




Autor: Wiebke Brauer (Wiebke Brauer) am 01.02.2010


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Diskussionen


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Xaver
Xaver 23.01.2010

Als ich in Suedafrika gelebt habe, haben alle Englischsprechenden ihre Autos als weiblich angesehen, auch wenn die Karren ungetauft blieben - hat mich zuerst etwas gestoert, da ich im deutschen Sprachraum aufgewachsen bin, und es war immer DAS Auto. Speziell, da es (?) doch eine Maschine ist. Mit der Zeit hab' ich's dann verstehen koennen, dass man eine - wenn auch limitierte - Beziehung mit einer Maschine aufbaut, wenn man, wie in Afrika, viel Zeit im weiten Nichts herumkutschiert und man auf jedes Geraeusch hellhoehrig wird, da das Leben vom funktionieren der Karre abhaengen kann, und es behuft sich deswegen, auch alte und ausgeleierte Karren gut zu pflegen!

Ich habe trotz des neuen Verstehens meine Autos nie "getauft", ziehe aber doch oft Parallelen zwischen den Damen und (sag'mer 'mal) meinem Rekord C, wenn mich die oft knappe Zeit zur Muse ueberrumpelt: Trotz etwas Rost um die Ecken und diversen "Narben" kann ich doch die originale Schoenheit noch gut sehen, das Herz schlaegt noch gesund und Spass und Humor ist einfach und unkompliziert.

Wiebke: ich hoffe ich sprech' fuer die Mehrzahl Deiner Leser, wenn ich sage, dass Du nicht sexistisch bist. Besser, dass Du offen und ehrlich, lustig und nachdenklich bist, als verschroben und manipulierend, "smooth" und politisch korrekt!

Bez. letztem Satz in Deinem Artikel:

Deine Ausrichtung ist nicht aus'm Lot, nur weil Du Dich nach einer Tasse Kaffee (oder einem Schnaps?) mit einer "alten Bekannten" sehnst!

Sammy
Sammy 18.01.2010

wie recht sie mal wieder hat, nach kurzer Überlegung kann ich Wiebke nur zustimmen:

DER Van/Voyager dank problemloser 299865km

DER Corsa...

aber: DIE Diva (LeBaron), da ständig was anderes, aber immer kleine Ursachen mit grosser Wirkung ;)

es ist die Diva, die aber auch am meisten Spass macht *gggg