Historisch hysterisch

Geld, Männer, Schuhe... nichts dagegen einzuwenden. Aber es geht doch nichts über ein neues Auto. Wiebke Brauer ist frisch verliebt in ihren Neuzugang.
Historisch hysterisch Seit vorgestern Abend ist er mein. Seit fünf Nächten habe ich nicht mehr geschlafen. Seit vier Stunden sitze im Büro und warte darauf, ihn endlich wieder anzufassen. Ich bin verliebt in meinen Neuen. Einen Mercedes Benz 380 SL in nachtschwarz mit bordeauxroten Ledersitzen. Gestern Nachmittag bin ich heimlich rausgeflitzt, um ihn zu berühren. Ich kann auch nichts mehr essen, und ich rede auch von nichts anderem mehr. Ich stimme sogar meine Garderobe auf ihn ab.
Meine Kollegen sind noch verständnisvoll, meine Freunde lächeln noch, aber in drei Wochen werden sie hinter meinem Rücken die Augenbrauen hochziehen und sich symbolisch den Finger in den Hals stecken. Weil ich noch immer das gleiche Thema habe und es ihnen zum Hals heraushängt. Ich lasse mich über die neuen Geräusche aus. Über das seltsame Ticken nach dem Start und den pornösen Sound, wenn ich ihn anlasse. Das Surren der Antenne und das Knarzen im Lenkrad. Ich muss jedem erzählen, dass die Versicherung mit der Einordnung überfordert war. „Können Sie mir den Schein faxen? Ich habe hier gar nichts Vergleichbares im Computer“ sagte die leicht irritierte Frau. „Was für eine Marke ist es denn?“ Konnte sie ahnen, dass ich nur auf eine einzige Frage von ihr gewartet hatte? Nein! Hatte ich Erbarmen? Nein! Musste sie sich zehn Minuten lang mein fanatisches Gebrabbel anhören? Ja! Wie bei frisch Verliebten ist mein Hirn verseucht, die Hormone spielen verrückt, ich bin nicht zurechnungsfähig, ein sozialer Totalausfall.
Seit der Schlüsselübergabe warte ich darauf, den Wagen überall zu begrabbeln. Andere Menschen nennen es Polieren oder Putzen, ich nenne es Fummeln. Am Samstag von neun Uhr morgens bis in den Nachmittag wird man mich stundenlang auf, unter und in dem Wagen liegen sehen, ich werde meine Finger in jede Öffnung stecken, über jede Chromleiste streichen, im Handschuhfach rumprokeln, mich im Kofferraum  zusammenrollen und unter die Sitze kriechen. Er soll nach mir riechen, nach mir aussehen, meins sein. Ich kann jetzt auch nicht mehr weiter schreiben. Ich muss mich unauffällig noch einmal nach draußen schleichen, um ihn anzufassen. Nur ganz kurz.


Autor: Wiebke Brauer (Wiebke Brauer) am 19.09.2008


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Jürgen-en-Mustang
Jürgen-en-Mustang 02.10.2010

Dazu nur eines: genial - so isses! ;-))) Noch viele schöne Sternstunden wünscht Jürgen

schumacher
schumacher 22.09.2008

echt scharf ! Irgendwie kommen mir Gedanken über Leder an nackter Haut...... Glückwunsch und viel Spaß.

gamedoli
gamedoli 22.09.2008

Jaja, das ist schon ein sehr geiles Auto, die Blicke der anderen Autofahrer und Passanten sind Dir sicher. Ich hatte auch mal so einen SL, wirklich klasse Auto ;-)

Viel Spaß damit und immer schön sauber halten, so steht er Dir am Besten.

Gamedoli

robko
robko 19.09.2008

DAS nenne ich Leidenschaft! Glückwunsch zu deinem Neuen.

Platin-Benz
Platin-Benz 19.09.2008

in der Tat... Nur von einem Traum musst Du Dich verabschieden. Der Mercedes wird nie nur nach Dir riechen, er wird immer nach der Duftnote Mercedes-Klassik riechen ;)

Witti
Witti 19.09.2008

Gut gescchrieben, das ist Liebe zum Automobil.