Die letzte Tour
Früher waren mehr unterwegs. Oder kam es mir nur so vor? Nein! Ich kann mich ganz genau an die Leichenwagen erinnern. Oft war es ein 230 E in schwarz. Gemessen kutschierte er durch die Straßen, das Tempo gezügelt, die Aufgabe so ernst wie die Miene des grau melierten Fahrers. Besonders faszinierend fand ich die Vorhänge in den hinteren Autoscheiben, oft in Bordeaux gehalten, ein dezent gerüschter Trauerflor. Ich habe mich natürlich schwer gegruselt, stellte mir vor, wie es wäre, in einem solchen Wagen zu liegen. Und ich stellte mir vor, wie es wäre, von innen ruckartig die Bordüren aufzuziehen und andere kleine Kinder zu erschrecken. Buh!
Heute sind die Vorhänge durch blickdichte Scheiben ersetzt, was schade ist. Ich vermisse auch die goldenen Lettern auf den Scheiben, meist schnörkelten sie sich barock und bekränzt über die Heckscheibe und gaben Auskunft über das altehrwürdige Beerdigungsinstitut.
Okay, natürlich habe ich eine morbide Ader, das lässt sich nicht abstreiten. Ich schaudere wohlig beim Anblick der Zeichnungen von Chas Addams, Schöpfer der Addams Family, und sah mit Begeisterung „Harold and Maude“. Postmortemmobil übrigens ein hochinteressanter Film, vielleicht erinnert sich noch der eine oder andere an den umgebauten Jaguar E-Type, der den Film leider nicht überlebte. Groß war darin auch – in jeglichem Sinne – der Cadillac Funeral Coach Superior Royale Landaulet. Was für ein Geschoss. Wer nicht davon träumt, darin seine letzte Reise zu machen will, ist selber Schuld.
Gut, könnte einem natürlich egal sein, mit welcher Kiste man zur letzten Ruhestätte kutschiert wird – ist es aber nicht. Schnell kann sie sein, muss sie aber nicht. Eleganz ist wichtig. Protzen darf man, denn über Tote darf man nicht schlecht reden.
Und wenn – wie ich feststellte – die Leichenwagen tatsächlich fast ausgestorben sind, in welchen Vehikeln werden die Touren dann gemacht? Neulich kam mir der Gedanke, die Toten würden vielleicht in weißen Vitos von A nach B gefahren, da passen ja auch gleich mehrere Verblichene rein. Und das, mit Verlaub, verbitte ich mir. Dann könnte ich ja gleich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Friedhof geshuttelt werden. HVV - Hamburger Verkehrs Verbund statt Heckflosse. Ein trister Gedanke, ist es nicht? Um mich ein bisschen aufzuheitern, stöberte ich eben durch die Seite www.bestattungswagen-literaturarchiv.de und www.leichenwagen.de und erfreute mich an den umgebauten Granadas, den Chevrolets, dem Opel Rekord von 1961.
Jetzt bin ich wieder ein bisschen aufgemunterter und habe mir für meine letzte Reise einen 1964 Plymouth Belvedere ausgesucht. Oder doch den 17m Turnier P5? Ich kann mich nicht entscheiden. Man sieht – für schöne Autos ist sogar der Tod nicht lang genug.
Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 14.02.2008
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Diskussionen
Salü zäma
... danke für den Beitrag auch bei uns gibt es sie noch und wenn mal einer zu Kaufen ist, dann springen die Spekulanten in Eilschritten. Vor ein paar Wochen gerade wieder geschehen. Es wurde ein Peugeot Bestattungswagen Modell 504 Jahrgang 1978 ausgeschrieben in der CH für Fr. 3000.- - der war in kurzer Zeit verkauft und steht nun in einer grossen Plattform in der CH für Fr. 14'900.- zu kaufen ! ? Ich denke über den Preis könnte man mit dem Verkäufer sicherlich verhandeln ?
schöner text, sagt gerade so ein schwarzfahrer wie ich es in meiner freizeit bin , biete ihn für deine letzte fahrt an, mach auch dann mal schnell wieder die tafel mit den gardienen ins fenster. aber das ist ja noch lange hin bis bald hermsi
sorry, sind leider im Nirvana verschwunden
Habe mal ein paar Bilder der Oldileichenwagen als Bildstrecke hoch geladen. Titel: Die letzte Tour!
Hallo zusammen,
ja es gib sie noch, die Leichenwagen. Im mittelhessischen Braunfels werden diese sogar noch aktiv betrieben. Dort betreibt ein Bestatter noch 2 Mercedes (zwei alte S Klassen)Fahrzeuge. Einer davon ist ein Einzelstück. Also wer stilvoll abtreten möchte, der wende sich an Pietät Schlafke in Braunfels.
hallo Wiebke,
in "jungen Jahren" hatte ich mal was Passendes.
Einen 75er Caddilac mit überlangen Radstand und Sonderaufbau. Sehr standesgemäß mit Stander, ziselierten Scheiben und Vorhängen. Platz und Hubraum im Überfluß..... Eine "Leiche" mit gut 200 km/h auf der Überholspur hatte schon was .... :-))
Hab ihn dann als Renntransporter eingesetzt, psychologische Kriegsführung nach dem Motto: wer mit nem Leichenwagen im Fahrerlager auftaucht hat auf der Rennstrecke sowieso nix zu verlieren .... :-))
hallo
Ach nochwas: Ich habe grundsätzlich nichts gegen Fahrgemeinschaften, aber ich möchte gern selbst über die Mitglieder der Gemeinschaft entscheiden. Nur bin ich mir eben nicht sicher, ob in dieser Lebenslage meine Bedürfnisse noch ausreichend berücksichtigt werden.
Also mir ist es ziemlich Rille in was für einer Jolle ich meine letzte Fahrt mache, solange ich allein im Kombi liege und nicht gestapelt werde. Makaber ist es schon, was in dieser Preisschlacht heute alles so betrieben wird. Jetzt, wo ich mal darüber nachgedacht habe: Es ist tatsächlich so, dass die Leichenwagen weniger geworden sind. Oder sind die anderen Autos nur mehr geworden, oder sind die Leichenwagen wie alle anderen heutzutage schnell umrüstbar??
Es ist sicher nur noch eine Frage der Zeit, bis Bestattungsunternehmen auch noch eine "Flat-Rate" anbieten, oder wie wäre es mit einem "Mengenrabatt" oder die sparsame "Doppelkiste" ganz zu schweigen von einem jahreszeitabhängigem "For Sale"!! Ich hör jetzt lieber auf, sonst liefere ich den Institutionen noch zu viele neue Geschäftsideen!!
Kann man sich wirklich darauf verlassen, dass die Ansparungen für die eigene Beerdigung auch wunschgemäß eingesetzt werden??????????????
Hallo Wiebke!
crazy4citroen hat Recht! Ich habe unlängst einen Bericht im TV gesehen, in dem es um sogenannte "Discount-Bestattungen" ging. Bei dieser letzten Fahrt handelt es sich quasi um die rainbow tour im wörtlichen Sinne. Man oder des Mannes "EX" wird also möglichst platzsparend im Laderaum eines Mercedes Sprinters untergebracht, welcher natürlich politisch korrekt in anthrazit gehalten ist (ohne Femster - man guckt ja eh nicht mehr so viel aus). Hier gibt es nur bequeme Liegeplätze, die allerdings aufgrund des Platzmangels und der naturgemäss kostensensiblen Kalkulation des "Discount-Bestatters" auch mal übereinander angeordnet sein können. So lassen sich, je nach Höhe des Aufbaus der Ladefläche mindestens vier bis sechs Bretterkisten gleichzeitig transportieren. Die Reise führt (kein Scherz!!!) über die Grenze nach Polen. Immerhin haben die Urnen auf dem Rückweg ihren Platz im (beheizten) Fussraum in der Fahrerkabine. Vielleicht war dem Fahrer auch das Geklöter der umherfliegenden Gefässe im Laderaum zu laut?! Ganz zu schweigen, dass jemand den ganzen Dreck wieder wegfegen muss! Die Würde des letzten Gangs wird natürlich laut "Veranstalter" von allen ausführenden Personen und in deren Handlungen streng eingehalten. Wenn es nicht wahr wäre könnte man einen zweifelhaften Comedyjoke daraus machen. Auf dass den richtigen Leuten das Lachen im Halse stecken bleibt.
Ganz ehrlich: Scheiß auf dritte Zähne! Ich spar schon mal für eine anständige Beerdigung. So wie es aussieht kann man gar nicht früh genug damit anfangen.
Hoffentlich hat niemand den HVV-Gedanken Ernst genommen...
Aber sonst war Deine Geschicht wie immer sehr nett. Weiter so!!!
Der letzte Wagen is immer ein Kombi!
Also hier in Hamburg fährt mir mindestens einmal täglich ein alter Leichenwagen über den Weg. Auch wenn diese anscheinend nicht mehr ihrer eigentlichen Bestimmung nachgehen.
oder gehst deinen letzten Weg hier in Spanien, komplett verglaste und durchsichtige Aufbauten, man kann gleich erkennen, was der Sarg wohl gekostet hat, ein Blumenmeer auf der Motorhaube und auf der Hecktür, ein kleiner Kristalleuchter vorne über der WIndschutzscheibe etc...
zwar sind Mercedesse der W210-Baureihe in der Überzahl, aber im Nachbarort fährt ein umgebauter (und verlängerter) Seat-Ibiza/Toledo der ersten Baureihe rum, dezent hellblau-metalic, wohl eher für die sparsame Verwandtschaft gedacht ;)
Wiebke, die Vitos existieren! So wird der letzte Burn-out etwas günstiger... Nur weiß sind sie noch nicht, sondern genauso dezent-langweilig verglast wie die anderen Bestatter. Aber wer weiß, vielleicht werden wir in ein paar Jahren mit Hermes zu den Göttern befördert ;-)