Der Porsche 911 - ein Auto wie gestreifte Hosenträger
Wenn`s um Sportwagen geht, führt kein Weg vorbei am Porsche 911 - das glaubt zumindest alle Welt. Welch trauriger Irrtum
Wenn`s um Sportwagen geht, führt kein Weg vorbei am Porsche 911.
Diese Form – harmonisch, kraftvoll, nie wieder erreicht. Der Sound – mal wie ein durchstartender Abfangjäger, mal wie ein Chor angesäuselter Matrosen: dreckig, rotzig und doch melodisch. Und wie er fährt – unablässiger Schub, prima Straßenlage. Außerdem rostet er nicht, geht nicht kaputt, man kann ihn im Alltag fahren, die Nachbarn machen große Augen und plötzlich schauen einem die schönen Frauen nach, nicht umgekehrt.
Nichts übertrifft den 911! Wie kann man nur ohne leben?
Der Porsche 911 hat nur eine einzige Macke: er ist ein zutiefst gewöhnliches Auto, ungefähr so aufregend wie ein Paar gestreifte Hosenträger.
Doch, doch, schauen wir mal genau hin. Wenn man einen Sportwagen fahren will, steht vor allem anderen erst einmal Verzicht: weniger Platz, weniger Komfort. Deshalb sind die wenigsten Sportwagen im Alltagsgebrauch. Dafür findet man reiche Belohnung in anderen Qualitäten eines Sportwagens: tolle Straßenlage, prima Fahrleistungen, schöner Sound, klasse Optik.
So richtig genießen kann man diese Qualitäten aber eigentlich erst, wenn man weiß, dass am nächsten Tag wieder eine zahme Familienkutsche bereit steht: sich nicht mehr halbakrobatisch auf den Fahrersitz zu falten, nicht mehr vom Motor die Füße und die Ohren gegrillt zu bekommen, sich vom Fahrwerk nicht mehr das Kreuz weich trommeln zu lassen, das Lenkrad nicht mehr wie King Kong packen und nicht bei jedem Schaltvorgang eine Diskussion mit dem Getriebe anfangen zu müssen … wie gut, dass daheim der Mondeo steht.
Aber halt! Es gibt doch einen Sportwagen, der so gut zu seinen Insassen ist wie ein Ford Mondeo. Er heißt Porsche 911. Der Porsche 911 ist ein Sportwagen für Menschen, die Rundum-Sorglos-Pakete lieben.
Das echte Sportwagenleben findet woanders statt.
Das echte Leben
Und wie bunt es da ist: Da gibt’s den TVR 350i. Dessen Form man grauslich finden oder genial, aber wenn man drin sitzt und den Rover-V8 unter der Haube loslässt, wenn’s bei jedem Tritt aufs Gaspedal die Welt brutal nach hinten reißt – dann ist die Optik wurscht. Zudem besitzt der TVR einen Gitterrohrrahmen, da verwindet sich nichts, während man auf kurvenreicher Landstraße Kreise um den 911 fährt.
TVR ist zu proletarisch? Keine Lust auf Plastikkarosserie? Wenden wir uns nach Italien: Für den Kurs eines stinknormalen Faltenbalg-911 gibt’s zum Beispiel den Lamborghini Urraco. Der hat seinen Motor vor der Hinterachse, wo er bei einem Sportwagen hingehört. Und was für ein Motor das ist: Wo der TVR donnert und grollt, da schmachtet, singt und heult der Lamborghini. Urracos Armaturenbrett-Layout würde jeden Zuffenhausener Designer in den Apoplex treiben, aber den Fahrer entzückt es jeden Tag auf’s neue.
Für zehn Riesen mehr, ungefähr zum Preis eines Porsche Turbo, gibt’s den Lamborghini Jarama. Nie gehört? Das ist der kleine Bruder des Espada. Den Jarama kennt kaum jemand, weil er nicht so spektakulär aussieht wie der Espada. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man die Schönheit des Jamara. Es ist ein Auto wie ein Faustkeil: kompakt, mächtig, durchschlagend. Der Jarama ist genauso vorzüglich verarbeitet wie der Espada und hat denselben wundervollen V12 unter der Haube.
Wem der Name Lamborghini zu wenig Strahlkraft hat, der kann für unter 20.000 Euro Eingang in den höchsten Auto-Hochadel finden: Ferrari. Für dieses Geld gibt’s allerdings nur Achtzylinder, zum Beispiel einen guten Mondial. Für ein paar Tausender mehr hat man die Auswahl zwischen dem "Magnum"-308GT und dem 2+2-Sitzer 308GT4.
Keine Lust auf Italien? Wie wärs mit einem Lotus Esprit? Vor allem der Vierzylinder-Esprit der frühen Jahre hat noch jede Menge Reserven in Situationen, in denen ein 911 Schweißausbrüche bekommt. Wem eine britische oder italienische Diva suspekt ist, dem sei ein Hybrid empfohlen: europäischer Luxus mit unverwüstlichen US-V8-Motoren – ISO Lele, Bristol 412 oder Jensen Interceptor. Die meisten sind unterbewertet.
Unberechenbar, abenteuerlich? Ja, bitte!
Zu fett, zu luxuriös? Sie mögen Autofahren ohne Filter? Bitte schön, probieren Sie einen Caterham! Oder lieber die rohe, krude Gewalt? Bitte sehr, eine Cobra!
Jawohl - Lotus,Maserati ISO und gehen auch mal kaputt. Aber wer immerzu an Zuverlässigkeit denkt, sollte bei Gelegenheit überlegen, ob er wirklich einen Sportwagen will. Wer dagegen ein bisschen Unberechenbarkeit, einen Hauch Risiko als zentrale Zutat für jedes Abenteuer betrachtet, braucht keinen Porsche 911.
Ein exklusives Auto ist der 911 im Übrigen schon lange nicht mehr. Schon von der Faltenbalg-Serie entstanden dermaßen viele, dass es inzwischen aufregender ist, einen unvermurksten Golf I zu finden.
Dieser Artikel erschien am 01.05.2008



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Diskussionen
Quintessenz:
Alles ist individuell:
- der persönliche Geschmack
- der Geldbeutel
- die Grösse der Garage
- die Beweggründe, warum man einen bestimmten Oldie fährt oder toll findet
- und und und
Die Carsablanca-Welt soll bunt bleiben, oder?
Lieber Till,
die von Dir vorgestellten Papiertieger Mondial, Urraco, Vierzylinder Esprit usw. sind für mich eine Enttäuschung gewesen. Die Italiener: Viel Lärm um Nix, Viel Technik, wenig Power, dafür bleibt er an jeder zweiten Ecke stehen...sportlich finde ich das nicht - nur blöd. Die Engländer: Plaste und Elaste, man kommt nicht rein, nicht raus, die Lenkung, die Bremsen ein (schlechter) Witz, Sound wie nen Ford Escort...geht gar nicht. Der 11er kann und will mit sowas nicht verglichen werden !
Leben und leben lassen, lieber BatsBelfry und lieber rieder!
Ich fahre einen 89er Carrera Targa im Alltag. Keine Servolenkung, steinharte Sportkupplung ((k-)ein besonderer Spaß in Stau und Stadtverkehr...), tief und hart und ab 120 km/h im Cockpit so laut, dass jedes Navi mit der immer gleichen, latent aufdringlichen Damenstimme sinnlos ist. Für mich klingt das irgendwie nach Sportwagen...
Ja, ich fahre einen 911er. Na und!?? Ich steh dazu! Und: "prollig" ist nie das Fahrzeug, sondern der Fahrer.
Der 911 - und für einige von uns der 356 umso mehr - ist und bleibt ein Klassiker! Mir macht er täglich Spaß, jeden Kilometer!
Allen anderen gönne ich ihre Fahrzeuge, von denen ich auch einige richtig klasse und bewundernswert finde. Aber eines liegt mir fern: andere Liebhaber für Ihren Geschmack und die Fahrzeuge, die sie - ganz persönlich - lieben pauschal zu kritisieren...
Toller Artikel! Ich hab die Leute nie verstanden, die einen frisierten Käferrasenmäher mit einer Heizung, die von jedem modernen Zigarettenanzünder an Heizleistung übertroffen wird, für das "Höchste" halten (356er) Vom 911 will ich nicht reden, der ist ja bereits Massenware. Gehen Sie mal auf ein Oldtimertreffen: was dort schon wegen seiner Häufigkeit sicher nicht beachtet wird, sind 356er, 911er, Mercedes Pagoden etc. Aber ein 400er Champion, Gutbrod Superior etc. Ich schäme mich jedesmal ein wenig, (aber nur ein wenig), wenn die Leute meinen 64er Studebaker Hawk GT umlagern und die 5x teuereren og. links liegen lassen. Aber vielleicht hab ich nur zu wenig Benzin im Blut...
Neulich waren wir auf der Autobahn, da wollte ein 70iger-Jahre-Porsche unbedingt schneller sein. Leider hatte er nicht mit dem Fiat (oh wie schnöde) Dino gerechnet, der Porschefahrer sah nur noch ein schönes Heck..und das verschwand mit lautem Getöse aus seinem Gesichtsfeld, große Enttäuschung ;-) Das wäre in den Bergen vielleicht anders ausgegangen, man weiß es ncht.
Den alten Porsche 911 mag ich eigentlich sehr, er ist schlicht, effizient und vermittelt viel Fahrspaß. Dieselbe Bescheidenheit sollten sich viele Fahrer angewöhnen. Es gibt da eine Menge sympathischer Zeitgenossen hinter dem Porsche-Volant, aber angesichts der Tatsache, dass der Oldie-Porsche zum Massenphänomen geworden ist, eben auch eine Menge Aufschneider.
Hallo Till,
genauso ist es. Das trifft übrigens auch auf die Rallyes zu, es gibt viel zu viele 911er (und 356er noch dazu). Hab ich im August letzten Jahres auch schon mal in meinem Blog erwähnt: http://jensjansen.com/blog1/2007/08/28/viel-zu-viele-porsche/
100% Zustimmung
Ich kann dir einfach nur Recht geben, und jedesmal wenn ich meinen Lotus in Sichtweite des Nachbarsporsche parke, muss ich grinsen :)
Ich durfte ja mal einen Porsche Boxter S nach Gelsenkirchen fahren. Ok, ich bin nun wirklich kein Kenner. Doch hat mir diese Fahrt enorm viel Spaß gemacht. Aber da hat der liebe Till den Nagel auf den Kopf getroffen: Porsche kann/darf halt jeder fahren...Ich würde aber auch die anderen hier vorgestellten Autos gerne mal testen.
Toller Artikel!
Sehr schöne Auswahl - und humorvoll für Kenner geschrieben! Aber Jensen Interceptor als Sportwagen präsentieren - das kann doch wohl war sein! Schätze der Autor hatte einen Vater mit 911er und versucht sich nun zwanghaft von diesen abzugrenzen...und fährt deshalb TVR