Verlorenes Idyll

Ob Borgward, Mercedes oder Opel: Auf einem Gelände nahe Ulm dämmerten zahllose Klassiker der Ewigkeit entgegen - bis das Schrottparadies eines Tages ein jähes Ende fand...
Verlorenes Idyll Ein ehemaliges Steinbruchgelände am Rande der schwäbischen Alb, nordwestlich von Ulm. Hier, abseits gelegen, befand sich über Jahre ein Ort, an dem Vertreter automobiler Geschichte dutzendweise lagerten und der Ewigkeit entgegendämmerten – bis sie ein jähes Ende nahmen. Denn praktisch alle Autos, die auf diesen Seiten zu sehen sind, fielen der Schrottpresse zum Opfer.
 
In den siebziger Jahren wandelte sich der Geschmack der Autofahrer. Eine „neue Sachlichkeit“ im Fahrzeugbau war angesagt. Kantige Karossen in knalligen Farben, aber mit immer weniger Chromschmuck bestimmten zunehmend das Bild in den Schauräumen der Händler. Was noch den barocken Chromschmuck der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre trug, war selbst als Gebrauchtwagen nur noch für ein Butterbrot loszuschlagen. Das galt vor allem für die Fahrzeuge aus der Produktion des 1961 in den Konkurs getriebenen Borgward-Konzerns, die nahezu keinerlei Marktwert mehr besaßen. Ihr Fankreis war kleiner denn je.
Zu den wenigen, die den Borgwards und Lloyds die Treue hielten, gehörte der Fuhrunternehmer Rolf S. aus Senden bei Ulm. Er kaufte an Isabellas, Arabellas und P 100 auf, was immer man ihm für kleines Geld anbot. Abgestellt wurden die Fahrzeuge in Hallen und auf Geländen, die der umtriebige Unternehmer teils bereits besaß, teils anmietete. So raffte er Ende der siebziger Jahre eine dreistellige Zahl (Eingeweihte sprechen von über 200) von Fahrzeugen zusammen – ohne jedoch die Möglichkeit zu haben, sie zu erhalten oder auch nur sachgerecht zu lagern. Die meisten von ihnen trugen den Rhombus im Grill, das Symbol der ehemaligen Bremer Firma Borgward. Doch auch Fahrzeuge mit dem Stern auf dem Kühler – meist „Heckflossen“ oder Vertreter der /8-Baureihe – und dem Blitz auf der Motorhaube fanden sich zusammen. Bei letzteren dominierten die B-Diplomaten mit den 5,4 Liter großen Achtzylindern aus der Chevrolet-Produktion. Dazu gesellten sich auch einige Exoten wie ein Fiat 850 Coupé, ein Peugeot 404 sowie der eine oder andere Ford Mustang. Einige Lkw waren ebenfalls vertreten.

Der Weg auf ein Gelände von Rolf S. war für die entsprechenden Fahrzeuge in aller Regel gleichbedeutend mit einem lang währenden Dornröschenschlaf. Zum Teil gaben die TÜV-Plaketten auf den Kennzeichen Auskunft, wann die Fahrzeuge letztmals Asphalt unter den Reifen hatten: 1973, 1976, 1978...
Danach standen sie zumeist unberührt, wie sie abgestellt worden waren: Komplett und oft nicht mal verschlossen.
Angesichts dieser Situation ist es verwunderlich, dass die Fahrzeuge über Jahre unberührt blieben. Es mag zum Teil daran gelegen haben, dass Rolf S. in der Gegend eine Respektsperson war, aber sicherlich auch daran, dass die Gelände abgelegen und kaum einzusehen waren: Es wusste einfach kaum jemand, was sich dort befand. Nur so erklärt sich, dass beispielsweise in dem offen zugänglichen Steinbruch ein Borgward Isabella Kombi vor sich hindämmerte, dessen Scheiben von Moos und Algen nahezu undurchsichtig waren, der aber immer noch über Radkappen und sämtliche Schriftzüge verfügte.

Die Auswahl der Standorte erfolgte scheinbar willkürlich. So vergammelten in besagtem Steinbruch mehrere Borgward P 100 – von denen nicht mehr als 5.000 Stück die Bremer Werkhallen verlassen hatten – und ein halbes Dutzend Isabellas unter freiem Himmel, während in Wellblechgaragen und der ehemaligen Steinmetzhütte Mercedes 200 Diesel der /8 Baureihe und Fiat 238 Busse witterungsgeschützt standen. Die Sammelleidenschaft des Rolf S. hatte übrigens keinen Anspruch auf Gewinnstreben: Verkaufen wollte der Besitzer kaum eines seiner vierrädrigen Besitztümer.
Inzwischen ist dieses Schutzgebiet für automobile Raritäten längst Vergangenheit. Als der Eigentümer einen unheilbaren Gehirnschlag erlitt, tauchten plötzlich, wie aus dem Nichts, die Kritiker von Umweltgruppen und Behörden auf und bemängelten die unsachgemäße Lagerung der Fahrzeuge. Vandalen wüteten auf dem Außenplatz. Sie zerschlugen Scheinwerfer und Scheiben und sprangen auf den mit Kunstleder bespannten Dächern herum.

Die Ehefrau des Eigentümers, Elisabeth S., war dem nicht gewachsen und hatte auch wenig Interesse an dem „Schrott“. So verschwanden die gehorteten Karossen entweder in der Schrottpresse oder gelten seitdem als verschollen, wie jenes extrem seltene Hansa 1300 Sportcabriolet, das – noch mit weiß-schwarzem Besatzungskennzeichen – in einer der Hallen die Jahrzehnte überdauert hatte.
 

 


Autor: Michael Grote (Reporter) am 22.09.2009


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slowly
slowly 11.12.2008

Da blutet einem das Herz. Wie leichtfertig das Wort "Schrott" heutzutage in den Mund genommen wird.

Sehr schön geschrieben.

martin914sechs
martin914sechs 11.12.2008

super artikel - ich finde schrottplätze einfach klasse. besonders wenn sie noch so sich selbst überlassen sind wie dieser und so mit unkraut und bäumen bewachsen sind lg martin