Rostakowitsch – Chrysler Simca 1308 LS
Der Blick ist schnell, taxierend, die Hose ausgebeult von einem Geldscheinbündel. Augen brennen sich ein in die Rostflanken des 1308, dort, wo einmal die Türunterkanten waren. Er übersieht auch nicht die braunfleckigen Felgen, die blinden Reflektore, die ausgeblichenen Kunststoffstoßfänger. Klackend und quietschend öffnet der Mensch, potenziell ein exilierter Altmetallhändler aus einer kaukasischen Stadt mit unaussprechlichem Namen, die Fahrertür.
Noch bevor er seine erste Frage stellen kann (die nach dem letzten konkreten Preis), schaue ich betreten zu Boden. Ein Jahr Tüv, 650 D-Mark steht auf meinem selbst geschriebenen Zettel in der Windschutzscheibe. Immer noch stumm setzt sich der Interessent in die Reste des 1308. "Das soll einmal ein Neuwagen gewesen sein?", kann man der Mine seines Gesichts entnehmen. Oh, je. Warum ich? Warum immer ich? Ich mein', wieso muss ausgerechnet immer ich mir Autos kaufen, die im Grunde genommen noch nie welche waren? Die Benzinmotoren ratterten wie Dieseltriebwerke, die Schaltung war hakelig, das Gepäckabteil sehr viel weniger geräumig, als die Heckklappe mit den knarzenden Gasdruckfedern es vermuten ließ. Der 1308 von Simca – eine echte Blendgranate unter den so genannten Familienautos.
Immerhin: als GT kam er recht sportlich daher, irgendwie war er auch cool, irgendwie musste er ja auch sportlich sein, mit seinen schwarzen Rallyestreifen. Ja, war er auch. Rasante 80 PS nagelten unter seiner dünnblechigen Haube. Fünf mehr, als in der zivilen LS-Version (siehe Netzfang-Angebot).
Toll sah er ja aus. Dynamisch. Auch schick. Leider wurde er oft mit einem neumodischen Zastava verwechselt, oder mit einem Fließheck-Moskwitsch. Deshalb nenne ich ihn bis heute Rostakowitsch. Waren jemals sämtliche Vorurteile gegen ein einziges Autos jemals so kompakt und präzise dargestellt, wie in diesem Wort: Rostakowitsch?
Es machte nichts, dass der 1308 nicht sonderlich spritzig war. Seine Leistung im Verbund mit schlechter Klebemasse reichte, um bei beherzter Rückwärtsfahrt die Streuscheiben der Scheinwerfer nach vorn klappen zu lassen. Ersatz kostete zwölf Mark pro Scheinwerfer: Zehn Mark für die Streuscheibe und zwei Mark für eine Tube Silikon. Ob mein Interessent noch den Essiggeruch des Klebemittels wahrnimmt, welches ich am Vorabend seiner Bestimmung zugeführt hatte? Warum kniet er vor dem Kühler? Hat er das schwarze Isolierband entdeckt, mit dem ich den Wasserkasten des Kühler umwickelt habe? Weshalb hält er sein Gesicht nah an den Scheinwerfer, schaut in den Motorraum? Ein Augenaufschlag, ein Fingerzeig auf den Vergaser, der den rauh laufenden Vierzylinder beatmet: "Diesel?", möchte er wissen. Ich versinke im Boden, vor Scham und Zorn. Immerhin, so schimpfe ich imaginär, hat er doch vier Türen! Eine Digitaluhr! Transistorzündung! Ein Lenkrad!
"350 Mark", sagt er, aber da packe ich schon trotzig zusammen und will vom Hof fahren, als Freund Peter auf mich zukommt. Er hat gerade seinen 77er Derby verkauft, für 850 Mark, und braucht nun ein neues altes Auto. "Ich kauf Dir den Simca ab!", sagt er ohne Umschweife. Mein Herz wird wieder warm, ich gebe ihm noch einen Preisruck: Dem Peter, ja, dem Peter werde ich ihn für 550 überlassen, das muss schon sein, bei unserer Freundschaft. "Ich geb' Dir 300", sagt die miese Macht, die vom Körper meines Freundes Besitz ergriffen hat, indem sie kleine Scheine abzählt, "Ach, nee, warte mal: ich kriege ja noch 40 Mark von Dir, also haste hier 260 Tacken!" Baff stehe ich mit meinem Kleingeld in der Hand auf der Straße und schaue den kleiner werdenden Heckleuchten meines Ex-Autos hinterher.
Zwei Wochen später kollabierte mein Ex-Freund Peter mit meinem Ex-Simca mitten auf einer stark befahrenen Kreuzung: Das Getriebe hatte sich komplett zerlegt, alles Öl lief aus. Kurz vorher hatte er den 1308 noch vollgetankt. Ein mieser, hämischer Lachanfall packte mich, ich gebe es zu. Peter habe ich nie wieder gesehen. Wer möchte schon etwas mit Typen zu tun haben, die Schrott überzahlen?
Autor: Knut Simon
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Diskussionen
Naja der Artikel ist schon etwas einseitig. So schlecht waren die Autos nicht. Der Motor des einfachen 1307 mit 55 PS war nicht kaputtzukriegen und fuhr bleifrei, während die Kumpels mit ihren deutschen Premium-Autos mit Bleiersatz rumpantschten.
Rostprobleme gab es bei dem Teil ohne Ende, aber die klapprigen Motoren mit unten liegender Nockenwelle und Stößelsteuerung waren eigentlich unkaputtbar. Ich bin seinerzeit mit dem 1307S ohne Probleme bis nach Spanien gefahren. Das beste waren diese plüschigen Sitze, butterweich und keinen Seitenhalt, aber superbequem.
Rostprobleme gab es bei dem Teil ohne Ende, aber die klapprigen Motoren mit unten liegender Nockenwelle und Stößelsteuerung waren eigentlich unkaputtbar. Ich bin seinerzeit mit dem 1307S ohne Probleme bis nach Spanien gefahren. Das beste waren diese plüschigen Sitze, butterweich und keinen Seitenhalt, aber superbequem.
Kommentar zum Bild:
Wie schön, daß auch voon den Euro-Chryslern ein paar überlebt haben ! Er sieht noch garnicht recht nach oldtimer aus, weil er seinerzeit mit den Kunststoffstoßstangen einfach seiner Zeit voraus war.
trotz der rostprobleme finde ich sind es sehr schöne autos mit eigenem carakter. ich würde mir sofort einen kaufen wenn ich einen finden würde aber leider gibts nicht mehr viel davon schade.
Ich werd nich mehr, bei dem Angebot juckt's mich glatt in den Fingern. Zum Glück wird man einen GS nicht so leicht los...