Olé! – Seat Bocanegra 1430 Sport

Sind sie zu stark, bist Du zu schwach. Was für Fussball im Allgemeinen und das WM-Endspiel 2008 im Besonderen gilt, besitzt erstaunliche Parallelen zum spanischen Automobilbau. Nur, dass die Spanier auf diesem Feld nur ein einziges Mal mit eigener Aktion punkten konnten. Mit dem frechen Stürmer Seat Bocanegra 1430 Sport.
Olé! – Seat Bocanegra 1430 Sport

Manchmal bedarf es der eigentümlichsten Konstellationen, um ein überraschendes Ergebnis zu erzielen. Einer dieser Fälle beginnt auf dem Turiner Salon des Jahres 1970. Dort steht, ausgerechnet auf dem Stand eines Lackherstellers namens Glasurit, eines der pfiffigsten kleinen Sportcoupés, das die Welt gesehen hat. Nur, dass man es nicht kaufen kann. Denn der NSU Nergal, technisch basierend auf dem 1200 TT des Neckarsulmer Herstellers, entworfen vom italienischen Designer Aldo Sessano und mittels GFK von Glasurit eingekleidet, ist ein reines Showcar. Das jedenfalls denken die Messebesucher. In Wahrheit jedoch ist Sessano auf der Suche nach einem personal Trainer für seinen Jungtalent Nergal, der es per Massenproduktion auf das automobile Spielfeld der 70er Jahre loslassen soll. Die Mission gelingt. Dank spanischer Taktik.

In faschistisch regierten Spanien reduzieren hohe Importzölle die Einfuhr von ausländischen Wagen. Gleichzeitig lässt der beschränkte Inlandsmarkt eine eigenständige Automobilindustrie aus finanziellen Gründen nicht zu. Daher baut der spanische Hersteller Seat seit den 1950er Jahren vornehmlich Lizenzmodelle von Fiat. Als der frische Fiat 127 erscheint, scharrt man bei Seat jedoch mit den Hufen: Zwar wird der Wagen quasi unverändert als Seat 127 gebaut, allerdings reift schnell die Idee, auf der Basis des 127 ein eigenständiges kleines Sportcoupé zu bauen – und damit endlich ein "eigenes" Auto! In Turin treffen die Seat-Interesen unvermittelt auf Sessano und den Nergal. Der Funke springt sofort über. Die Konfliktlunte zu Fiat, mit sieben Prozent an Seat beteiligt, brennt.

Als Sessano mit seinen Modifikationen fertig ist, heißt der ehemalige NSU Nergal Seat 1200 Sport – mit der liebevollen Zusatzbezeichnung "Bocanegra". das heißt soviel wie "schwarzes Mäulchen", denn statt der abfallenden Nergal-Front mit ihren Klappscheinwerfern funkelt der knackige Bocanegra herausfordernd aus Breitbandscheinwerfern, die von einer dicken umlaufenden Gummiwulst eingerahmt sind. Technische Basis ist der Fiat 127, aber das Karosseriehäuschen mitsamt Interieur machen den ersten Seat, der sich sein Blechkleid nicht mit einem Fiat teilen muss. Er ist im Prinzip das karosseriemäßig einzige eigenständige Auto, dass Seat je gebaut hat. Denn nach der Fiat-Phase geriet man schnell in VW-Nähe – und in die Plattform-Falle. Nur der unglückliche Malaga und die erste Ibiza-Generation hatten eine ähnliche Charakteristika. Nur – sie entstanden nicht mehr unter den Zwängen einer faschistischen Staatsräson und waren damit viel leichter zu realisieren.

Geschlagene fünf Jahre dauert es, bis der Seat 1200 Sport Coupé das Spielfeld der 2+2-Autos betritt. Sessano, von vielen Automobilherstellern gern konsultiert, hatte zwischenzeitlich die Gestalt von Renault 15 und 17 maßgeblich beeinflusst, die vor allem im Frontbereich formale Anklänge an den Bocanegra besaßen. Doch die gelangen aufgrund der Importzölle kaum nach Spanien hinein, wo der Bocanegra begeistert aufgenommen wird – dies zumindest vom Publikum, denn bei Fiat ist man not amused über ein Fahrzeug mit Fiat-Technik, das sich eine abweichende Formensprache erlaubt. Dabei ist der Bocanegra nicht nur bestechend schön-skuril, sondern auch tatsächlich sportlich: Mit dem 1200er Fiat-Motor des 127 ausgerüstet, spurtet der kleine Stürmer auf bis zu 160 KM/H, 1977 erhält er einen großen Bruder  (1400 ccm, 77 PS) namens Seat 1430 Sport.

Nur bis 1979 darf der kleine frische Spanier mit NSU-Wurzeln von den Bändern spurten, dann stellt man die Produktion ein. Die Diktatur in Spanien ist mittlerweile passé, um so mehr muss sich Seat auf dem internationalen Markt behaupten, und der schreit nicht gerade nach einem bis dato eher unbekannten 2+2-Coupé aus spanischen Landen. Es bleibt der Charme eines sympathischen charaktervollen Coupés, das weit origineller erscheint als die sonst üblichen Vertreter dieser Gattung. 

Besonders in Spanien besitzt der Bocanegra bis heute seine treue Anhängerschaft, und wie damals ist es besonders die Jugend, die sich für dieses herausragende Stück spanischen Automobiolbaus begeistert. Zahlreiche Clubs  bieten fundiertes Wissen und Hilfe zu Geschichte und Technik des Bocanegra an, und sogar in die virtuelle Jetztzeit hat der Bocanegra es geschafft: In Need for Speed Most Wanted fährt er mit den Großen um die Wette, als ginge es um den Pokal. Wie im richtigen Leben.

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Autor: Knut Simon (knutzimonster) am 30.06.2008


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