Panhard Dyna: Fischhändlers Liebling

Mein Panhard Dyna X ist ein wundervolles Auto. Er steckt voller Überraschungen. Die größte ist diese: Die Optik ist Dreißiger, die Technik – nun, sagen wir frühe Sechziger. Er war, mit anderen Worten, optisch der Zeit hinterher, technisch seiner Zeit voraus

Panhard Dyna: Fischhändlers Liebling

Das Premierenjahr des Panhard Dyna X ist 1948. Im selben Jahr brachte Renault den 4CV, genannt Cremeschnittchen. Die zwei sehen sich ähnlich: vier Türen, vier Plätze, üppige Rundungen. Der Panhard steht noch ein bisschen pompöser da, weshalb ihn die Franzosen zärtlich "Louis XV" nannten und damit andeuten wollten: ein Sonnenkönig in Taschenausgabe.

Die Dinge, auf die es ankommt freilich, Chassis, Technik, Fahrwerk und Motor, könnten nicht weiter vom 4CV entfernt sein. Der Renault hat seinen Motor im Heck, eine Idee aus den Dreißigern, seine Karosserie ist eine selbsttragende Ganzstahl-Hülle. Panhards kleiner König dagegen rollt auf einem massiven Alu-Gussteil, das vorn bei der Motoraufhängung anfängt, sich über die Spritzwand bis zur Oberkante des Scheibenrahmens hochzieht und rückwärts bis zur B-Säule. Leicht und sehr stabil. Rückwärts schließen sich daran zwei Stahlprofile an, die vor der Hinterachse durch eine Traverse verbunden sind. Darin liegen die Torsionsfedern der Hinterachse (für einen ebenen Kabinenboden). Die Vorderräder hängen an zwei querliegenden Blattfedern, vor denen sitzt der luftgekühlte Zweizylinder-Boxer.

Wegen seines Chassis bin ich auf den Panhard Dyna X gekommen. Ich habe Abbildungen davon in Büchern gesehen und dachte: großartig! Das ist richtig clever – sowas will ich! Das ist ungefähr so, als würde man sich in eine Frau verlieben, von der man nur die Handschrift gesehen hat. Es dauerte eine Weile, bis ich dann das erste Mal einem real existierenden X gegenüberstand – und der wurde gleich meiner. Er hat allerdings nicht das schicke Kleid der Limousine, jedenfalls nicht hintenrum. Das Chassis erlaubt allerlei Spezialaufbauten; Panhard bot den X als Cabrio, Kombi und Kastenwagen an, und ein solcher ist meiner: gebaut 1951 als Zehnzentner-Lieferwagen.

Der Fischhändler und der Genussmensch 

Der letzte Besitzer, der das Auto im Alltag nutzte, war Monsieur Vimbert, ein Fischhändler vom Quai de la Poissonnerie, Pont Audemer in der Normandie. Das muss eine Weile her sein, man riecht nichts mehr. Dafür hat sich das Auto andere Spuren seiner Geschichte erhalten: Das rechte Rücklicht zum Beispiel war beim Kauf anders als das linke – der Wagen wurde mit nur einem Licht ausgeliefert, dem linken. Blinker hatte er, aber nur auf der B-Säule. Monsieur Vimbert ist wahrscheinlich verantwortlich für die aktuelle Farbgebung, unter dem aufgepinselten Grau schimmert da und dort der Originallack durch, ein dezentes Aubergine.

Allerdings war es genau das Mattgrau, mit dem der Dyna mir endgültig das Herz brach. Mattgrau kann ich sehr schlecht widerstehen. Der Vorbesitzer ließ den Motor sorgfältig aufarbeiten, und als das fertig war, musste er das Auto verkaufen, weil er als französischer Genussmensch seinen Bauch nicht hinters Lenkrad bekam. Es tat ihm offensichtlich leid, als ich mit dem Dyna auf dem Hänger davonfuhr.

 

Ein zartes Lasteselchen

Meine zart-theoretische Freude am Dyna X wuchs sich zu echter Begeisterung aus, während ich im Verlauf der folgenden Monate immer mehr über ihn lernte. 500 Kilo Zuladung, bei 630 Kilo Leergewicht! Wer jetzt was von "schlappen 24 PS" murmelt, der soll mir mal einen anderen Lieferwagen vom 51er Jahrgang zeigen, der eine halbe Tonne Zuladung durch die Gegend schaffen kann und trotzdem nur 1130 Kilo Gesamtgewicht auf die Straße bringt. 12 V-Elektrik, Frontantrieb, vollsynchronisiertes Vierganggetriebe, Schalthebel unterm Armaturenbrett, an der Lenksäule ein Multifunktionshebel (Blinker, Abblend- und Fernlicht, Hupe) – wo war das anno 1948 Serienstandard?

Dabei habe ich den Motor noch gar nicht gewürdigt – der ist ein Sahnestückchen für sich. Doch davon berichte ich ein andermal.

Neu! Jetzt auch im Straßenverkehr: Dyna X Fourgonnette




Autor: Till Schauen (BatsBelfry) am 29.05.2008


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Sachverstaendiger
Sachverstaendiger 07.12.2008

Das ist ein Auto um sich abends mit einer Flasche Bier reinzusetzen, das Amaturenbrett zu tätscheln und zu ihm zu sagen. "Jetzt erzähl mal"

Zwiebel
Zwiebel 21.06.2008

Sehr,sehr interessant, ich bin (vor ca. 2 Monaten) erst durch diesen Bericht auf Panhard aufmerksam geworden, als ich das Foto sah, in Verbindung mit dem Namen, dachte ich an einen amerikanischen Vorkriegslastwagen. Mittlererweile habe ich doch einiges (Halb-)Wissen über PL 17 etc. ergooglet, dass der Citroen GS ein "heimlicher Panhard" ist, wusste ich auch noch nicht.

Ist ja immer die Frage, ob man so einen Oldie (über)restauriert oder ihn so mit allen Rostflecken lässt, ich würde den Mittelweg suchen.

Achja, und 5 Punkte gibt es natürlich auch.

LG Zwiebel

panhardist
panhardist 07.01.2008

Schmuckstück !