Walter Kappacher: Silberpfeile

Auf dem Umschlag des Romans „Silberpfeile“ von Walter Kappacher prangt ein knallroter Aufkleber. „Georg Büchner Preis 2009“, steht da überdeutlich zu lesen. Autos und Literatur? Und schon wieder was über die Silberpfeile?
Walter Kappacher: Silberpfeile

Tatsächlich ist der Georg-Büchner-Preis der bedeutendste Literaturpreis Deutschlands. Und gerade im Taschenbuch-Segment, wo es gerne bunt und effektheischend zugeht, sind Autos als gestaltendes Element auf dem Umschlag mittlerweile salonfähig, ob sie nun mit der Handlung zu tun haben, oder nicht. Skepsis darf daher dem Auto Union Typ C entgegen gebracht werden, der in voller Avus-Fahrt über den Titel rast, ganz zu schweigen davon, dass der Titel zweifelsohne als „Reisser“ und „Dauerbrenner“ durchgeht. Vor allem letzteres, doch dazu später mehr.

Ein Kurzabriss der Handlung mag alle Skepsis verscheuchen: Ein junger Journalist stößt in Italien auf ein Museum, das Tazio Nuvolari gewidmet ist. Wieder daheim in Österreich, beschließt er, ein Buch über den Rennfahrer zu schreiben. Er macht einen ehemaligen Renningenieur der Auto Union, Paul Windisch, ausfindig, der einsam und ohne Angehörige in einem Pflegeheim lebt. Behutsam versucht der finanziell darbende Schreiberling, dem Alten Details aus seiner Erinnerung zu entlocken; ein schwieriges Unterfangen. Denn der gehbehinderte Windisch wünscht sich nichts sehnlicher, als in seinem Haus etwas Zeit zu verbringen. Einmal angestoßen, erzählt er dann aber auch aus seinem Leben: Von seinen Erlebnissen mit dem Rennteam der Auto Union, vom Unfalltod Bernd Rosemeyers. Aber vor allem auch von seiner Versetzung nach Schlier, wo er an der Entwicklung der V2-Rakete beteiligt war – der zweite dauerbrennende Silberpfeil des Romans. Für den Ingenieur war der Nationalsozialismus prägend, immerhin verlor er bei einer Explosion im V2- Versuchswerk eine Hand. Windisch entfernt sich in seinen Erzählungen immer weiter von dem, was sein Gegenüber ihm entlocken möchte.

Der Autor erzeugt damit eine seltsame Form der Spannung, wie sie vielleicht nur Autoliebhaber nachempfinden können: Wer träumt nicht davon, einen Zeitzeugen zu treffen, der Unklarheiten in der Historie mit einem Federstrich ausräumen könnte? Der dabei war, als Rosemeyer starb und vielleicht sogar das Unglück endgültig aufklären kann? Die „Silberpfeile“ lesen sich wie historisch aufgeladene Gedankengeschosse, sie fliegen dem Leser um die Ohren und entführen in eine reale Fiktion. Denn Paul Windisch ist ebenso nur erfunden wie der Journalist, an dessen Gedanken der Leser teilhaben darf. Es gibt sie beide nicht, und doch könnte das, was sie erzählen, wirklicher nicht sein. Kappachers Stil ist klar und doch kraftvoll, ohne prosaischen Schwulst. „Bei einer Mercedes-Limousine unterhielten sich einige Offiziere, darunter Major Hühnlein, der uns seit Jahren mit seiner Wichtigtuerei auf die Nerven ging; er bemerkte uns und kam auf uns zu. Ich sagte: Der Hühnlein will zu uns, wir beschleunigten unsere Schritte, und ich reichte Rosemeyer den Wagenschlüssel.“

Er streiche so viel wie möglich, bis kein Wort mehr verzichtbar sei, sagt der Autor selbst über seine Arbeit. Die im übrigen nicht immer das Schreiben war. Eigentlich sollte er Elektriker werden, doch wollte der jugendliche Walter Kappacher lieber an Fahrzeugen schrauben. Er fand eine Lehrstelle als Zweiradmechaniker und pflegte im Teenageralter eine Motorsport-Leidenschaft, die sich Jahrzehnte später in einem seiner ersten größeren Werke niederschlagen sollte: „Die Werkstatt“. Nach einigen Intermezzi in verschiedenen Berufen wurde aus dem jungen Motorradmechaniker ein freischaffender Schriftsteller. Einer, der mit technischen Dingen umzugehen weiß, was den Oldtimerfreund beim Lesen durchaus freut: „Die Mechaniker führten die letzten Arbeiten für den Aufwärmlauf aus, Rosemeyer probierte den Sitz und die Position des Lenkrades und das Pedal für die Kühlluftschieber. Ich bat ihn noch, im vierten Gang nicht über viertausend Touren zu drehen, und verließ das Zelt, um die Witterung zu prüfen.“

„Silberpfeile“ ist ein nachdenklicher Roman, der in gut gekühltem Erzähltempo die rasante Geschichte bedeutender Entwicklungen erzählt – seien es persönliche oder historische. Auf dem Asphalt und in der Luft hinterließen sie ihre mächtigen Spuren, und der Leser wird sie erneut vor seinem geistigen Auge lebendig werden sehen.

Walter Kappacher: Silberpfeile. dtv 2009, ISBN: 978-3423138734, Preis: 8,90 €.
Das Buch ist bei Deuticke auch als Hardcover erschienen: ISBN: 978-3552061217, Preis: 19,90 €.

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Autor: Frederik E. Scherer (Fredo) am 01.04.2010


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SpanishInquisition
SpanishInquisition 15.04.2010

Schön, dass es über die Silberpfeile mehr zu wissen gibt, als Bilderbücher vermitteln können. Ich werde mich nach dem Buch mal umsehen, Danke für den Tipp.

DerChecker
DerChecker 01.04.2010

Kaum zu glauben.....Dachte das Carsablanca.de etwas für die jüngere Generation ist und nicht zu einem Online-Abklascht der Motor Klassik mutiert.