Vom Erleben des Automobils: Glanzvolle alte Autozeit

Da sitzen Sie nun in Ihrem Opel Ascona A und denken, Sie fahren ein altes Auto. Dann versuchen Sie doch mal, eine Konus-Kupplung korrekt zu bedienen. Oder einen Gang geräuscharm einzulegen. Es wird Ihnen nur Letzteres gelingen. Und zwar, weil man Ihnen ein hoffnungslos modernes Auto angedreht hat. Sie haben es nicht einmal bemerkt.
Vom Erleben des Automobils: Glanzvolle alte Autozeit

Wie war das noch gleich mit dem knarzenden, ratzenden Getriebegeräuschen? "Schalten Sie, wie Sie sprechen: laut und deutlich!" ist noch eine der harmlosesten Hämeattacken, die man (und Frau) über sich ergehen lassen müssen – zumeist nach einem forschen Brems- und Schaltmanöver, wenn es gilt, die einzig freie Parklücke in der Innenstadt zu erhaschen. Dummer Weise liegt diese direkt vor dem nächsten Straßencafé. Und das ist ähnlich voll, wie der Parkstreifen. Das Leben ist grausam.

Da hilft ein Blick in Dieter Korp's und Julius Weitmann's Buch "Glanzvolle alte Autozeit". Dies nicht, um der Peinlichkeit von eben zu entrinnen, sondern um zu erinnern, welche Arbeit das Führen eines  Kraftfahrzeuges tatsächlich einmal bedeutete. Autor Korp spricht jedoch nicht von Golf I, Opel Rekord A oder Ford P7. Er erzählt von Lacroix de la Ville, Panhard & Levassor, von Darracq und Maybach. Denn sein Buch erschien 1962. Es handelt vom Erleben des Automobils.

Korp erzählt historisch-fundiert und fast schon liebevoll aus den Anfangsjahren der Automobile. Er berichtet von der Dampfkutsche und dem Verbrennungsmotor, der lederbespannten Konus-Kupplung, die unmöglich schonend zu bedienen war und (von Kennern) deshalb mit Fischtran eingesalbt wurde, von mächtigen Hispano-Suizas, vom kühn zugeschnittenen Lancia Tri-Kappa, dem Charakter eines Stoewer Greif und der Autorität des Horch 835.

Überschaubar-beherrschbare Technik wird plausibel erklärt, so die Zentralschmierung, die erste selbsttragende Karosserie (Lancia Lambda, 1922). Doch nichts da mit "Schnauferl": Dieter Korp präsentiert die Boliden der Vorkriegsepoche aus dem zeitgenössischen Blickwinkel, ohne Herablassung als Stilmittel einzusetzen. Das wäre dem Buch rückblickend auch schlecht bekommen, würden wir heute doch über moderne Wagen Anno 1962 wie A-Kadett, Käfer und Weltkugel-Taunus arg schmunzeln. (Nur – warum eigentlich? Die fahren ja noch heute...)

So geriet dieses Buch beinahe zeitlos. Überschriften wie "Rolls-Royce – Qualität ist Religion" besitzen auch 2009 noch Gültigkeit. Den Texten von Korp merkt man ebenso wie den klaren, sehr stillen Fotografien von Julius Weitmann an, mit welchem Enthusiasmus die Autoren in der automobilen Vergangenheit umherschweiften. Beide waren den von ihnen beschriebenen Automobilen und ihren Jahrzehnten noch persönlich verbunden und viel naher, als uns dies möglich wäre.

Für die Zeilen und Fotografien der Autoren gilt daher, was Korp im letzten Absatz über Bugatti-Automobile schreibt: Es lasse sich "in gewiß verzeihlicher Überhöhung sagen, dass sie aus Fleisch und Blut waren."

Besser und treffender können wir es heute auch nicht formulieren. 

Dieter Korp, Julius Weitmann: Glanzvolle alte Autozeit. Verlag Delius, Klasing & Co. Bielefeld 1962.

 

 




Autor: Knut Simon (knutzimonster) am 03.01.2010


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