"Global Fehler" – Volkswagen Chronik

"Der Weg zum Global Player" ist die neue Volkswagen Chronik der Historischen Kommunikation der Volkswagen AG untertitelt – "Global Fehler" wäre unserer Ansicht nach passender gewesen, treten doch in weiten Teilen der Chronik sachliche Unstimmigkeiten auf.
"Global Fehler" – Volkswagen Chronik Über 260 Seiten ist sie dick, die neu verfasste und wesentlich erweiterte Volkswagen Chronik, die die Historische Kommunikation der Volkswagen AG unlängst veröffentlichte. Das kompakt informierende Werk ist gleich in drei Variationen verfügbar: Zum Kauf für 14,90 Euro als gutes, altes Paperback-Buch, als PDF zum kostenlosen Download auf www.volkswagenag.com/chronik und, unter der gleichen Internetadresse, als interaktives Nachschlagewerk.

Wer schreibt, der bleibt, heißt es, und dies zu Recht. „Wer ein Buch schreibt“, möchten wir ergänzen, denn nirgends liest sich ein längerer Text so angenehm, wie zwischen zwei Buchdeckeln – noch immer. Für den schnellen, recherchierenden Klick ist die interaktive Lösung die beste, auch sind in der Online-Version der Volkswagen Chronik mehr Daten enthalten, als im gedruckten Buch.

Letzteres ist schade, wenn auch verständlich – verständlich, aber auch schade. Denn nicht immer hat man einen Rechner zur Hand, und es ist schon ärgerlich, wenn man zwar unter dem Jahrgangseintrag „1970“ den Start der K 70-Produktion erfährt, aber eben nicht, wann das Modell nach wie viel Exemplaren eingestellt wurde. Das beantwortet nur der virtuelle Geschichtsführer.

Wirklich ärgerlich wird es allerdings, wenn schlicht falsche Aussagen veröffentlicht werden oder mit Worthülsen um sich geworfen wird. In solchen Momenten offenbart sich, dass diese Chronik vornehmlich von Historikern, und anscheinend nicht (auch) von ausgewiesenen Automobil-Historikern geschrieben wurde. Kostprobe gefällig? So besitzen die Motoren der ersten Passat-Generation jeweils nur eine, nicht mehrere obenliegende Nockenwellen, statt Ganzstahl (die jeden anderen Volkswagen bisher auszeichnete) müsste es selbsttragende Ganzstahl-Karosse heißen, und die Motorenspanne reichte mitnichten von 55 bis 110, sondern von 55 bis 85 PS. Der 110er kam erst mit dem Facelift, welches die Chronik im gleichen Atemzuge jedoch verschweigt. Ja, was denn nun?

Und die Worthülsen? 1974: „(...) zeichnet sich der Scirocco durch (...) sein markantes Design, seine innovative Technik (...) aus.“ Wo war der Scirocco denn nun innovativ? Worin unterschied sich sein markantes Design (nach Meinung der Verfasser) von seinen Art- und Zeitgenossen? Was bleibt, ist Marketing-Sprech und bedauernswerte Verschwendung von wertvollem redaktionellen Raum. Schade drum.

Historiker ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Und eine Passion. Genau so verhält es sich mit Automobilhistorikern und –journalisten. Es wäre sachdienlich gewesen, hätten beide Berufsstände gleichermaßen Anteil an der aktuellen Volkswagen Chronik gehabt. Denn die Historiker müssen sich im speziellen Fall vor Augen führen, dass interessierte Leser dieser Chronik vor allem nach Modellen suchen, die sie mit diesem Unternehmen verbinden, wahrscheinlich sogar mit der eigenen Biographie, und nicht nur nach Personen, Standorten, Produktionszahlen. Wenn dabei dann auch noch Fehltritte wie die genannten auftreten, schwindet das Vertrauen in die Chronik allgemein, und das ist schade und eine große Gefahr, ist dieses Werk doch wirklich ein Mammutwerk, in welchem ein großer, lobenswerter Rechercheaufwand deutlich erkennbar ist.

Im Gegensatz zu ihrem Vorgänger präsentiert die aktuelle Volkswagen-Chronik auch die weiteren Marken des Konzerns. Bugatti, Bentley, Skoda und Seat werden ebenso vorgestellt wie Volkswagen Nutzfahrzeuge und die immer wichtiger werdenden Volkswagen Financial Services. Aber auch hier ergaben Stichproben fragwürdige Behauptungen: So wird als erstes eigenständiges Modell der Marke Seat der 1984 erschienene Leon genannt, auf dessen Basis auch die Stufenhecklimousine Malaga entwickelt worden sei. Hierzu möchten wir anmerken: Das erste eigenständige Modell der Marke Seat war der hinreißende Bocanegra, der mit Volkswagen rein gar nichts zu tun hatte. Und 1984 debütierte nicht der Leon, sondern der Ibiza, und Grundlage des Malaga war der Seat Ronda (Fiat Ritmo/Regata), nie und nimmer der Leon.

„Der größte Feind des Historikers ist der Zeitzeuge“, proklamieren die Historiker gern. Wie verhält es sich nun mit Lesern und Historikern?

Manfred Grieger, Ulrike Gutzmann, Dirk Schlinkert (Hrsg.): Volkswagen Chronik. Der Weg zum Global Player. Historische Notate 7. Wolfsburg 2008. ISBN 978-3-935112-10-6
 




Autor: Knut Simon (knutzimonster) am 27.01.2009


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bjoern
bjoern 10.02.2009

Tschechen sind bekanntlich sehr traditionsbewußt und zudem begnadete Techniker. Und Tatra oder Seat so eine Art Nationalheiligtum. Daher besitzen beide Firmen sehr interessante Museen mit nahezu unbegrenzten Quellen im Unternehmensarchiv. Die Historie von Audi wurde nach der Wende neu entdeckt und was in Ingolstadt bzw. Zwickau in den letzten Jahren auf dem Klassiksektor entstand, ist vorbildlich. Die Engländer (Bentley) haben die Tradition quasi erfunden und Lamborghini und Bugatti haben seit der Gründung Kultstatus mit vielen Freunden der Marke und Historikern, die die Geschichte dieser Marken bis ins kleinste Detail und in zahlreichen Publikationen erforschten. Aber Seat? Im Grunde genommen waren das immer von Fiat lizensierte Massenautos, die man nach dem Verbrauch entsorgte. Mir ist nicht bekannt, daß es irgendwo einen SEAT-Veteranenclub gibt und den letzten Seat-Malaga hat man die letzten Jahre nicht mehr auf der Strasse gesehen - alle nach 15 Jahren eingestampft. Mir ist nicht bekannt, daß es bei Seat überhaupt ein Unternehmensarchiv gibt, geschweige denn ein Werksmuseum. Ich kenne dafür aber die Geschichte von Heidi Hetzer, die gerne darüber berichtet ein unmoralisches Angebot von VW für ihren Hispano Suiza bekam damit man überhaupt ein historisch wertvolles Auto aus spanischer Fertigung presentiern konnte. Ob das so stimmt?-

Ja, da ist bezüglich der Seat-Geschichte so manch grober Schnitzer entstanden, ich denke aber nicht, daß dieser Fauxpas in Wolfsburg entstanden ist. Es ist eben ein großes Problem, daß es in Deutschland so gut wie keinen absoluten Kenner gibt, der diese Fehler beheben konnte. Und man sich in Wolfsburg mit dem Zufrieden gab, was einem so überliefert wurde. Seat steht im Duden nur ganz knapp vor Siesta und ein automobiles Traditionsbewußtsein ist mir leider bei keinem latinoabstämmigen Hersteller bekannt.

Im Käferbereich gibt es eine Art Bibel, die vor 25 Jahren herausgebracht wurde. Der Etzold. In diesem Buch gibt es so gut wie keine Seite, die nicht irgendwo einen ähnlichen Patzer hat. Und da die meisten Journalisten in der Regel faul sind, wurden diese Falschinformationen von anderen Autoren übernommen. Es war weder geplant, 2000 Hebmüller zu bauen noch gab es keine 600 Allradkäfer - schon - garnicht beim Rommel. Aber so ist es Dank Etzold überliefert. Daher können die Ausmaße dieser Falschinformationen für zukünftige Seat-Historiker problematisch sein. Sehr dumm gelaufen, solang man diese Fehlinformation aber in der nächsten Auflage korrigiert aus meiner Sicht eher ein kleineres Übel. Auch andere Konzernchroniken stecken voller schlecht recherchierter Fehler - sofern es diese überhaupt gibt.

knutzimonster
knutzimonster 10.02.2009

@bjoern: dass menschen fehler unterlaufen, ist selbstverständlich. nur darf das nicht in derartigen publikationen passieren. das ist peinlich. die finale kontrollinstanz fehlte entweder oder hat versagt.

volkswagen classic und historische kommunikation sind zwei paar schuhe. erstere ist nicht herausgeberin der chronik. und wenn die aufgaben der zweitgenannten so vielfältig sind, dass eine sichtbare inhaltliche oder personelle überforderung der mitarbeiter eintritt, dann muss dies geändert werden. schnell und dauerhaft.

zudem ist das kapitel um seat alles andere als eine bagatelle. auch bin ich mitnichten weder technik- noch passat-freak. nur: was sache ist, muss sache bleiben. oder was hieltest du davon, wenn ich schriebe:

"der tatra 603, ehemals im besitz von erich mielke, wurde in rumänien gefertigt. er besitzt einen wassergekühlten, über der vorderachse sitzenden reihen-achtzylinder mit 79 ps. die fahrzeuge gelten als äußerst robust und zuverlässig. zudem sind sie leicht zu reparieren. ersatzteile finden sich schnell und sind zudem preiswert. deshalb fuhren fast alle ddr-bürger damals dieses auto.

klingt doch immerhin alles plausibel, hm? :-)

bjoern
bjoern 10.02.2009

Auch in einem Konzern arbeiten nur Mensche. Und die machen auch schon mal Fehler. Sei es aus Flüchtigkeit, als Basis falscher Dokumente oder einfach, weil die Archive zu einem bestimmten Thema keine verlässlichen Angaben machten. Ich finde es jedenfalls schade, daß die Arbeit für die Erstellung von 260 Seiten nicht honoriert wird, sondern daß man sich in Deinem Artikel an vermeintlichen Bagatellen hochzieht. Die Aufgabe der Historischen Kommunikation um Dr. Grieger sind vielfältig - und bestehen nicht nur aus dem Erstellen einer überarbeiteten Firmenchronik. Vielleicht ist es sogar gut, wenn der Technik nicht so zugeneigte Historiker um eine Chronik kümmern - da da diese mit dem Thema unbefangener umgehen als ein Autofreak, der sich in einem Skript von Hundertstel ins Tausendstel abdriften würde.

Fehler - da gebe ich Dir Recht - sollten sich in einer offiziellen Firmenchronik nicht einschleichen. Aber Fehler oder ungenügende Angaben passieren nun mal.

Vor zwei Jahren wurde auf der Techno Classica mit viel Brimborium die sogenannte Volkswagen Klassik GmbH ins Leben berufen. Außer viel Geldvernichtung durch die damaligen Verantwortlichen und Presentation auf den gängigen VIP-Proceccorallyes ist leider nicht viel passiert. Als Besucher der Stadt Wolfsburg fährt man täglich an einer alten, leerstehenden Tankstelle vorbei, die Irgendwann einmal eine Anlaufadresse für Klassikfans werden sollte und sich nach und nach zu einem Schandfleck entwickelt. So etwas nach Meinung vieler Wolfsburger eher schädlicher für den Ruf eines Konzerns als eine Falschangabe über die technischen Details eines 74er Passat in der Firmenchronik, die nur den absoluten Passatfreaks auf Anhieb als Fehler erkannt wird. Und nicht gerade hilfreich für die Klassikerszene.

Seit einigen Wochen verstärkt Eberhard Kittler als neuer Leiter der Volkswagen Classic GmbH den Konzern. Ein kompetenter Automobilhistoriker der bisher auf alle einen sehr guten Eindruck gemacht hat. Ich denke, daß der einen positiven Einfluß geben wird und nicht nur redet - sondern macht. Um der neuen Volkswagen Classic GmbH überhaupt eine Chance zu geben, ist das Zerreißen von neu herausgegebener Literatur in aller Öffentlichkeit leider wenig hilfreich. Laut örtlicher Presse ist das Budget für die Rettung der Tankstelle bereits gestrichen worden. No concept - no money.

knutzimonster
knutzimonster 10.02.2009

@bjoern: wir reden von einem KONZERN, nicht von irgend einem kruden autorenkollektiv nebst druckerbutze in salzgitter-lobmachtersen. das problem ist, wie bereits beschrieben, ein ganz einfaches: bei den modell- und technikspezifischen themen existieren innerhalb der historischen kommunikation von volkswagen lücken – und die werden nur ungenügend mit entsprechend qualifizierten mitarbeitern abgefedert. das darf einfach nicht sein. das kostet nicht nur geld für eine in weiten teilen zu korrigierende auflage – sondern vor allem vertrauen in die kommunikationsarbeit des unternehmens allgemein.

bjoern
bjoern 08.02.2009

Die Kritik in allen Ehren. Aber bei 260 Seiten schleichen sich immer Fehler ein Gerade in einer Erstauflage. Und wer schon mal Lektur gelesen hat, kann ein Liedchen davon singen. Da werden Textpassagen noch einmal umgestaltet, neue Formulierungen gesucht weil sie woanders schon mal vorkommen und auch schon mal alte Werbetexte zitiert. Und ganz ehrlich - wir alle kennen den Seat Bocanegra nur, weil sich so ein Fahrzeug in die Garage eines Carsablancausers eingefunden hat. Als Historiker in Wolfsburg verlässt man sich halt auf die Infos, die einem in Martorell zur Verfügung gestellt werden. Und das hängt auch vom Engagement der spanischen Historiker ab - sofern es bei Seat überhaupt ein Unternehmensarchiv gibt. Es gibt ja noch nicht einmal ein gescheites Buch über die Marke Seat, in dem man mal eben nachlesen kann.

Zu allem Übel hat VW - wie jede andere deutsche Firma auch - eine Geschichte vor 1945, mit der einige immer nur zukunftsausgerichtete Führungskräfte immer noch ihre Probleme in der öffentlichen Darstellung haben. Obwohl dieses Thema vorbildlich aufgearbeitet wurde. Mit solchen Problemen hat man als Historiker im Dienste des Konzerns auch zu kämpfen, denn schnell wird einem das geschriebene Wort von anderen Umgedreht und der Skandal ist da.

Die Unternehmenschronik von Volkswagen war schon immer informativ - aber leider nicht ganz vollkommen und fehlerfrei. Und ich bin sicher, daß die genannten Fehler in der nächsten Auflage korrigiert werden.

Vom VW K70 wurden übrigens insgesamt 211.127 Fahrzeuge gebaut und bis Februar 1975 über die VW-Händler angeboten. Wann der letzte Wagen effektiv gebaut wurde - darüber schweigt ein Autohersteller in der Regel - 2002 sollten die Käufer eines neuen Golf Cabriolet auch nicht wissen, daß Ihr Neuwagen bereits ein halbes Jahr zuvor vom Band in Osnabrück lief. Sicherlich wir in der Neuauflage auch das genaue Datum erwähnt werden. Bisher hat das keinem so richtig interessiert, so daß das niemand nachrecherchierte.

Fredo
Fredo 31.01.2009

Unzählige Bücher zur VW-Geschichte sind über die Jahre in mehr oder minder guter Qualität erschienen, in den meisten ging es in erster Linie um den Käfer. Ich sehe zwei Probleme: Zum einen kann man, wie Knut Simon richtig schreibt, einen Ottonormalhistoriker nicht mit dem Thema Fahrzeuggeschichte betrauen. Zum anderen ergibt sich ein editorisches Problem: Die Chronik soll zwar umfassend sein, doch kann man mit der gesamten VW-Geschichte sicherlich fünf oder noch mehr 200-Seiten-Bücher füllen.

Ich gehe außerdem noch einen ketzerischen Schritt weiter als pl-chef: Glaube keiner Unternehmenschronik, die du nicht selbst gefälscht hast.

pl-chef
pl-chef 30.01.2009

Fazit, wie bei fast jedem Autobuch: Glaube keinem Buch, das du nicht selbst geschrieben hast. Die Wahrheit ist doch wohl, dass es nur ganz wenige Bücher gibt, die völlig fehlerfrei sind. Mir ist bisher nur eines untergekommen und das hatte das Manko das man damals noch auf eine genaue Quellenangabe verzichtete, also wahr aber nicht beweisbar.

vwsantana
vwsantana 27.01.2009

Hallo Knut, wahre Worte ! Gerade für die markenbegeisterten Fans macht diese Chronik leider den Eindruck, daß VW selbst nicht ganz genau weiß was VW gemacht hat. Der Historiker in Ehren, ein wirklicher Kenner der Modellhistorie aber ist unabdingbar !

Peeperkorn
Peeperkorn 26.01.2009

Ich plädiere für Marbella, obwohl der neue Bocanegra auf dem Leon basiert...