Auto-Alltag in der DDR von Matthias Röcke

20 Jahre ist es jetzt her, dass Trabi-Lawinen gen Westen walzten und in der Bevölkerung der Bundesrepublik eine Meinung zementierten, die bis heute weit verbreitet ist: „Drüben“ gab's ja nur Trabant und Wartburg.
Auto-Alltag in der DDR von Matthias Röcke

Das subjektive Empfinden der Masse erlag dabei nicht einer Illusion: Ganz so falsch war der erste Eindruck nicht. Ganz so grau in grau ging es bei genauerem Hinsehen aber auch nicht zu. Der automobile Sozialismus trieb Blüten, von denen der Rest der Welt nur bei einem Besuch hinter dem Eisernen Vorhang und dem damit einhergehendem Vergleich Notiz nehmen konnte.
„Auto-Alltag in der DDR“ heißt das neue Buch von Matthias Röcke, das der „Autokultur Ost“ auf den Grund zu gehen sucht. Mehr noch: „Wie gingen die DDR-Bürger um mit dem Mangel rund ums Auto? Was waren dessen Ursachen?“, fragt der Umschlagtext. So führt der Autor im Vorwort aus, das Buch beschreibe „in Kurzform die gar nicht so geringe Vielfalt der in der DDR verfügbaren Personenwagen, spart dabei allerdings für die Bevölkerung unerreichbare Fahrzeuge aus.“


Kurzform?
Der Begriff scheint irreführend, denn auf den ersten Blick ist das großformatige Buch mit 128 Seiten randvoll. Doch der Schein trügt, der zweite Blick dauert nur zwei Stunden, schon ist das Buch ausgelesen. Eine Stunde Lesevergnügen für jede Hälfte des zweigeteilten Layouts, so scheint der Verlag kalkuliert zu haben, und hat das Buch auch gleich 'erlebnisorientiert' aufgebaut: Links der Fließtext mit der allgemeinen Schilderung der Autosituation im östlichen Deutschen Staat, rechts die Beschreibung der populärsten Fahrzeuge: Neben den üblichen Verdächtigen sind auch Skoda 1200/1201/1202 und die Heckmotormodelle, Moskwitsch, Pobjeda, Wolga, Zaporoshets, Lada, Polski-Fiat, Dacia und sogar Zastava vertreten.
Der Leser erhält Einblicke in die Gepflogenheiten beim Neuwagenkauf, erfährt näheres über die Zusammengehörigkeit von Führerschein und „Berechtigungsschein“ und blättert gleichsam in den Familienalben fremder Leute. Die „persönliche Situation der autofahrenden Bevölkerung“ soll nämlich anhand von zeitgenössischen Privatfotos begreifbar werden. Persönliche Darstellungen fehlen im Text dagegen ganz. Der ist ohnehin so knapp gehalten, dass für jede anekdotische Ausschweifung der Platz zu fehlen scheint – obwohl er vorhanden gewesen wäre. Offenbar musste mit einem hübschen Layout die wenig tragfähige, dünne Textdecke kompensiert werden.
Die Autoalltag-Seiten links sind zumeist mit blass aufgehellten Bildern, Werbung oder Texten hinterlegt, die nicht nur einen passend gestalteten Retro-Effekt haben, sondern die andernfalls recht leeren Seiten optisch auffüllen. Dies kann irritierend sein, weil das wissbegierige Auge automatisch auch die Füllsülze mitlesen will. Unbequem wird es dann auch, wenn sich „echter“ und „überflüssiger“ Text überlagern. Immerhin, zwischendurch stößt man auch auf besonders hübsche Dokumente wie  Werbung oder Auszüge aus der Ost-AMS „Der Deutsche Straßenverkehr“, womit ganze Doppelseiten gefüllt werden.

Fazit:
Der Gesamteindruck, der sich am Ende der Lektüre einstellt, tendiert in Richtung „schade“, denn mehr als eine ganz allgemeine, oberflächliche Darstellung der Grundverhältnisse der ostdeutschen Autowelt findet sich nicht.
Ähnliches auch auf der rechten Seite, denn hier steht auch nicht mehr über die Fahrzeuge zu lesen als auf Wikipedia- wenn auch in weitaus hübscherer Aufmachung.
Unterm Strich fehlt der Tiefgang. Und das ist tragisch angesichts der Fähigkeiten Röckes als kompetentem Autor, die er unter anderem in der „Trabi-Story“ (demnächst in der 3. Auflage erhältlich!) unter Beweis gestellt hat. Die Vermutung liegt daher nahe, dass Röcke entweder nicht so durfte wie er konnte oder dass entgegen dem Wortlaut des Vorwortes und des Umschlagtextes etwas ganz anderes gewünscht war:
Ein für ein großes Publikum taugliches, sehr kurzweiliges Bilderbuch, das hübsch gestaltet ist und sich bei einer Tasse Kaffee verschlingen lässt. Was, vor allem mit Blick auf den günstigen Preis von nur 14,95 €, mehr als zufrieden stellend erreicht wurde. Sollte also das Interesse an der Thematik nach der Lektüre nachhaltig angeheizt sein, darf der mitgelieferte „DDR“-Autoaufkleber aufs Auto gepappt und die „Trabi-Story“  auch noch verschlungen werden. Oder Sie greifen zu einem der anderen, im Rahmen des Mauerfall-Jubiläums zahlreich erscheinenden Bücher.


Matthias Röcke: Auto-Alltag in der DDR
128 Seiten, 77 farbige und 76 s/w-Abbildungen
210 x 297 mm, gebunden
Preis: 14,95 Euro
ISBN: 978-3-86852-101-6

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Autor: Frederik E. Scherer (Fredo) am 10.12.2009


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