Was aber soll man dann machen, wenn man den ersten Rheumabrezel in der Garage hat, der Drang der Sammelwut aber nicht nachlässt? Hier gibt es unterschiedliche Wege, die einen kaufen sich einen VW Kübelwagen aus dem Krieg und hoffen irgendwann auf einen Schwimmwagen – die anderen Käferfans träumen von einem alten Kabriolett oder einer rassigen Sonderkarosserie. Oder haben es geschafft und neben dem Dasein als Morlock in der Garage doch noch irgendwann es zu einer eigenen Ehefrau nebst vermeintlich selbstgezeugten Nachwuchs geschafft.
Oder man geht in die alten Baujahre. Vor 1949 waren die VW Käfer nur über Bezugsschein zu bekommen und deren Stückzahl war noch weit von den Rekorden entfernt, die den Käfer später einholen sollte. Auch waren sie noch nicht so ausgereift, VW-Generaldirektor Heinrich Nordhoff selbst meinte einst, dass der Käfer so viele Fehler hätte wie ein Hund Flöhe. Ein Grund, weshalb Käfer vor 1949 nicht so häufig sind, hinzu kam die Tatsache, dass ein alter Brezelkäfer noch bis in die späten 70er Jahre hinein nur ein alter Volkswagen war und nichts mit der damals aufkommenden Oldtimerszene zu tun hatte.
Noch rarer sind die alten KDF-Käfer. Volkswagen vor 1945, für die das Deutsche Volks ansparte und stattdessen VW Kübelwagen für die Ostfront kamen. Trotzdem wurde eine Handvoll Käfer im 1000jährigen Reich gebaut, die fast ausnahmslos ans Militär, Organisationen und ganz selten auch an Privatpersonen ging, die entweder ranghohen Parteigrößen oder dem Führer bzw. Ferdinand Porsche sehr nahestehende Personen waren.
Die Käfer gab es in zwei Grundversionen – der zivilen Version namens „Typ60“ sowie einer hochgelegten Geländeversion namens „Typ 92“ bzw. „Typ 82e“. Kabrioletts oder Rolldachkäfer gab es als Einzelstücke ebenso entstanden etwa 30 Allradfahrgestelle, die zum Teil auch mit einer Käferkarosserie versehen wurden.
Natürlich interessierte auch ich mir für die ganz alten Käfer, wenn da nicht das Problem mit der Finanzierung gewesen wäre. Zum Glück lernte ich aber einen genauso verrückten Kumpel Christian kennen, der zusammen mit seinem Vater das gleiche Hobby nachging. Ich selbst habe das Glück, gewisse Trüffelschweingene zu besessen, hinzu kam hinzu, dass ich damals als Schüler auch über die gewissen Freizeit verfügte. Irgendwie war es hat doch viel interessanter, irgendwo in Osteuropa auf Teileentdeckungstour zu gehen als mit dem Lehrer über mathematische Kurven zu diskutieren.
Den ersten KDF-Käfer, den wir uns kauften, war ein Re-Import aus Riga. Ein total verbastelter hochbeiniger Typ 82e, der einst an das Deutsche Rote Kreuz nach Potsdam-Babelsberg ausgeliefert wurde. Es sollte aber nicht der einzige KDF-Käfer sein, den ich irgendwo aus dem Dornröschenschlaf wecken durfte. Allen Fahrzeugen gemein war die Tatsache, dass die Fahrzeuge entweder ans Militär oder eine Organisation gingen.
Ein Bekannter von uns machte hingegen vor Jahren den Lottogewinn mit sechs Richtigen mit Zusatzzahl und entdeckte den KDF-Käfer, der einst an Reichsjugendführer Arthur Axmann ging. Man mag über einen prominenten Nazi als Erstbesitzer denken, wie man will – wir fanden es toll und träumten davon auch einmal einen so alten Käfer zu finden, dessen Fahrer auch ein Gesicht hatte. Auch wenn es bei Arthur Axmann ein sehr braunes war. Auch hat jeweils ein Käfer überlebt, der einst an die Kanzlei des Führers ging bzw. an die Stabsstelle Hermann Göhring. Es ist aber in anbetracht von gepanzerten Kompressormercedessen, Maybachs und Horchs sehr unwahrscheinlich, dass diese Schergen überhaupt Notiz von den Käfern in ihrem Fuhrpark genommen haben.
Es war im Sommer 2000. Wie jeder Oldtimerschrauber im deutschsprachigen Raum las ich die aktuelle Ausgabe der „Oldtimer-Markt“ auf der Toilette und es wurde selbstverständlich dabei auch der Kleinanzigenteil studiert. Im eigentlichen VW-Bereich stand leider wieder nichts Interessantes und so blätterte ich weiter. Unter „Sonstige Automobile“ stolperte ich über eine Kleinanzeige „Opel Rekord 55, DKW F8, VW Käfer und Mercedes Ponton als Teileträger zu verkaufen, Tel. 048…“
Da verkauft halt jemand eine Sammlung unrestaurierter Fahrzeuge und auch ein Käfer ist dabei. Vielleicht ist der Käfer ja aus den späten 50er Jahren – vielleicht sogar einer mit Faltdach – und man könnte die Teile gut vermarkten. Vielleicht doch mal anrufen, vielleicht stimmt der Preis zumal die Telefonnummer den norddeutschen Raum – nahe meiner Heimat – suggerierte.
Es hat dann doch noch über eine Woche gedauert bis ich anrief. Am anderen Ende meldete ich ein junger Mann von dem ich Infos zum Auto erfahren wollte. „Ach für den Käfer interessieren sie sich – ja, der ist aber ganz schlecht und den kann man nur noch zur Teileverwertung verwenden. Das Baujahr weiß ich leider nicht, der Wagen gehört aber meinen Papa, der aber gerade nicht im Hause ist, am Besten, Sie rufen heute Abend noch einmal an.“ Immerhin konnte ich dem Junior aber noch bei der Frage nach der Größe und Form des Heckfensters entnehmen, dass der Käfer „da hinten so zwei Fenster drin sind“. Ein Brezelkäferfund machte die Sache umso interessanter, immerhin gibt es genügend Sammler, denen man mit einem Heckfensterausschnitt eine Freude machen kann.
Am Abend der erneute Anruf und diesmal hatte ich den Vater am Telefon. „Für den Käfer interessieren Sie sich – der ist aber ganz schlecht, da lohnt sich der Aufbau nicht mehr“. – „Welches Baujahr hat denn der Wagen?“. „Der ist Baujahr 1939….“
Nun weiß jeder, dass der VW Käfer erst ab 1941 gebaut wurde und ein Baujahr 1939 daher sehr unwahrscheinlich ist. Was es aber häufiger gibt sind Fahrzeuge mit einem geschätzten Baujahr im Brief, vornehmlich aus der ehemaligen DDR, wo die Zulassung eines Volkswagen öfters nicht ganz legal vonstatten ging. Also fragte ich den Besitzer, ob das Fahrzeug einmal ursprünglich aus der ehemaligen SBZ stammte – was dieser bejahte. „Den Wagen habe ich von meinem Cousin aus Aue im Voigtland. Dort stand der Wagen die letzen Jahrzehnte in einer Garage.“
Ein DDR-Käfer mit falscher Identität ging es mir durch den Kopf. Tonnenweise Spachtel, schlecht reparierte Unfallschäden und verbastelt bis zum geht nicht mehr. Jetzt wusste ich, warum mehrfach betont wurde, dass der Wagen so schlecht sei. Aber immerhin – ein Brezelfenster soll er haben, also schlechtestenfalls ein total vermurkster Zwitterbrezelkäfer von 1953.
„Wenn Sie wollen, können Sie heute vorbeikommen“ Och nö – so schnell musste es doch nicht gehen und so sagte ich meinen Besuch für die nächsten Tage zu.
Am Telefon erklärte mir der Verkäufer den Weg „nach drei Kilometern kommt auf der linken Seite mein Elektroladen – da wohne ich gleich gegenüber“. Der Elektroladen entpuppte sich als großen Industriekomplex mit einem riesigen Fuhrpark. Direkt angrenzend ein schmuckes Einfamilienhaus, alles sauber und ordentlich. Ich klingelte und nach eine kleinen Weile kam ein Mitvierziger um die Ecke und mich fragte, was ich von ihm wolle. „Ach, sie meinen bestimmt meinen Chef. Nein, der wohnt hier nicht, das hier ist die Hausmeisterwohnung. Da müssen sie gegenüber in den Weg hineinfahren“.
Gesagt – getan und so gelangte ich auf das Anwesen des Verkäufers. Vor der Tür eine Brabus-S-Klasse sowie ein 124er Kabriolett. Ich hingegen im angegammelten Passat 32b Variant und Schmuddellook. Ein gut gelaunter Hausbesitzer öffnete mir die Tür und nach wenigen Minuten chauffierte er mich in den Nachbarort, wo er seine Fahrzeuge stehen hat. In einem alten Spritzenhaus war ein kleines, aber feines Automuseum untergebracht, in dem etwa 40 bestens restaurierte Klassiker standen. Vom Messerschmitt Kabinenroller bis zum 290er Mercedes Kabriolett. In einem Nebenraum standen nochmals etwa 20 Fahrzeuge, die größtenteils Restaurationsobjekte waren. Mittendrin entdeckte ich dann einen hellgrünen Brezelkäfer. Das muß er sein. Schon von weiten entdeckte ich eine Motorhaube vom KDF-Käfer und ganz ehrlich – sooo schlecht sah der wagen gar nicht aus. Ein Blick unter die Haube bestätigte die Sache mit dem KDF-Wagen. Aufbaunummer 360 – Baujahr 1943. Hinten unter der Motorhaube blickte mich der originale Motor an – bis auf wenige Details wir Rückleuchten oder die Stoßfänger schien das Fahrzeug fast komplett „maching number“ zu sein. Insgeheim dachte ich nur noch eins: Habenwill.
Zur Preisverhandlung lud mich der Verkäufer bei sich zu Hause zu Kaffee und Kuchen ein. „Was willst Du mir denn für den Käfer bieten?“. „Keine Ahnung…“ Natürlich hatte ich eine Ahnung, immerhin hatte bereits damals so ein unrestaurierter Wagen unter Sammlern den Gegenwert eines neuen Golfs. „…Du bist der Verkäufer, also musst Du mir Deine Preisvorstellung nennen.“ Nach einigen hin und her kam dann von ihm ein Angebot. „Wenn ich von Dir für den Wagen xx D-Mark verlange, soviel Geld hast Du doch nicht.“ Streng genommen hatte ich die in der Tat nicht, aber xx war sein super fairer Preis, ein wahres Schnäppchen für den Wagen. Sofort reichte ich dem Verkäufer nach alter Pferdehändlermanier den Handschlag.
Doch so einfach war das nicht. Der Verkäufer pokerte. „Heute Abend kommt noch ein Sammler aus Aurich vorbei, der den Wagen auch kaufen möchte“. Nach meiner Meinung sollte der den Wagen natürlich nicht bekommen und dank meiner Überredungskunst gelang es mir, den Zuschlag für den Wagen zu bekommen.
Zum einen fuhr ich freudestrahlend nach Hause – zum anderen aber hatte ich jetzt ein Problem: Woher an diesem Samstag die Gelder nehmen, die man nicht hat. Und so fuhr ich direkt zu Christian und seinem Vater. Christian wollte ich noch nichts sagen und verschwieg ihm gegenüber mein Anliegen. Aber ich flog auf. „Du hast doch schon wieder irgendetwas gefunden – Du grinst so“ Ehrlich gestand ich ihm meine Sünde und er beglückwünschte mich. Nun musste ich nur noch zu seinem Vater und einen Sofortkredit beantragen. „Hol das Fahrzeug schon mal her und dann sehen wir weiter“. Den Betrag von xx DM gab er mir gerne und so rief ich bei dem Verkäufer an und kündigte meinen sofortigen Besuch zum Abholen des KDF-Käfers an. „Heute passt mir schlecht – ich wollte heute Abend mit meiner Frau in die Oper. Aber morgen wäre das kein Problem.“
Wir verabredeten einen Termin für Sonntag morgen um 10:00 Uhr. Bereits mitten in der Nacht stand ich auf, setzte mich mit dem Trailergespann in Bewegung. Bereits um 7:00 Uhr stand ich vor der Scheune, in der der Wagen stand. Nicht, dass mir irgendjemand noch auf die Idee kommt, den Wagen wegzuschnappen.
Pünktlich gegen 10:00 Uhr kam der Verkäufer auf den Hof und rasch war der Käfer gegen harte – aber äußerst faire Devisen ausgetauscht. Kurz vor dem Verabschieden drückte ich dem Verkäufer einen Zettel mit Fahrgestell- und Motornummer des Käfers in die Hand. Hintergrund daran ist, dass Christian sich einmal eine Aufstellung aller jemals gebauter KDF-Käfer bekommen hat, mit denen man die Historie nachvollziehen kann.
Fragend guckte mich der Verkäufer an, ich erwähnte ihm gegenüber, dass mein Kumpel bestimmt noch bei ihm anrufen werde um sich nach dem Stand des Deals zu informieren.
Freudestrahlend fuhr ich die rund 100 Km wieder zurück in die Heimat, direkt zu Christian, wo wir eine kleine Sammlung haben. Ich war keine 5 Minuten auf dem Hof, da kam Christian auch schon gleich um die Ecke. Ohne den Wagen gesehen zu haben, wollte er ihn gleich unbedingt kaufen. Das konnte nur ein bekannter Vorbesitzer sein. „Arthur Axmann?“ fragte ich – „nein, Brauner“. Wie Christian inzwischen herausgefunden hat, wurde der Wagen einst an einen Alfred Rosenberg ausgeliefert. Sagte mir damals nicht und so klärte Christian mich auf. Alfred Rosenberg war der Chefideologieführer der NSDAP sowie Reichsminister für die besetzten Ostgebiete. Er war maßgeblich an der Zwangsenteignung jüdischer Familien in Osteuropa zuständig und schusterte dem selbsternannten Kunstsammler Hermann Göring die geklauten Kunstwerke zu. Kurz vor Ende des Krieges flüchtete Rosenberg mit einem Flugzeug nach Dänemark, wurde aber geschnappt und in Nürnberg zum Tode verurteilt. Von den in Nürnberg verurteilten Nazis war Rosenberg einer der ranghöchsten, der nicht durch Suizid der Strafe entkam.
So kam es, dass der Wagen den Besitzer wechselte und ich zudem eine für mich als Schüler stattliche Provision bekam. Restauriert haben wir den Wagen dann alle drei gemeinsam.
Die Recherchen beim Vorbesitzer aus dem Erzgebirge haben ergeben, dass das Fahrzeug von seinem Vater gegen Ende des Krieges 1945 zusammen mit anderen Fahrzeugen in einem Waldstück gefunden wurde. Offensichtlich versuchten damit eine Gruppe Soldaten – vermutlich aus Berlin - in Richtung Süden zu fliehen. In dem Waldstück entledigte man sich wahrscheinlich in Folge von Spritmangel den Fahrzeugen sowie der Uniformen und ließen beides zurück. Der Vater war damals noch ein junger Mechaniker und er wusste, dass so ein Volkswagen etwas Besonderes ist – und so wurde der Wagen in einen Heuschober versteckt. Kurze Zeit später erreichten die alliierten Truppen die Gegend um Aue und man geriet in die Sowjetische Besatzungszone. Da die Russen alles konfiszierten, was sie an Fahrzeugen der Wehrmacht fanden, blieb der Käfer bis Mitte der 50er Jahre im Stroh versteckt. Dann holte man ihn heraus, lackierte ihn in einem zivileren hellgrün und brachte ihn zurück auf die Straße. Ende der 60er Jahre gelangte die Familie an einen gebrauchten Opel Rekord mit Haifischmaul (man erinnere sich an den Anzeigentext aus der Markt) und so wanderte der Käfer wieder bis zur Wende in die Garage.
Anfang der 90er Jahre übernahm ein Onkel aus dem Westen die Fahrzeuge, stellte sie in seine eigene Halle – bis er ihn an mich verkaufte.
Die Restauration des Wagens dauerte bis 2003 wobei das Schwierigste die Beschaffung der relativ wenigen Fahlteile war.

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Diskussionen
Ohhh Mannnn, jetzt hast Du meinen Traumwagen!
Gruss
Franky.
Viel Spass damit
Da ist er nochmal :-)
http://www.gazoline.net/article.pcgi?id_article=1254
nette Geschichte. So spannend kann die Suche nach einem seltenen Wgaen sein.