Unter Zeitdruck setzte ich mich ins Auto auf den Weg in ein Hamburger Einkaufzentrum, weil ich mal wieder vergaß ein Geburtstaggeschenk für eine liebe Person aus dem Freundeskreis zu besorgen.
Es war ein Samstag, ein diesiger Novembertag und ich hatte es recht eilig.
An einer Ampel stehend, traute ich meinen Augen nicht, als ich „Ihn“ auf einem Baumarktparkplatz sah. Meinen Kindheitstraum!
Ein Opel der Dickschiffserie K.A.D. in beige mit schwarzen Vinyldach und Weißwandreifen.
Durch meinen Job als Gutachter komme ich im Oldtimersektor sehr viel rum, bin auf fast allen Treffen, die mir meine Familie zeitlich zugestehen und in Sachen alten Opel dieser Raumgleiter, bin ich hier im Hamburger Raum so ziemlich auf dem Laufenden, egal ob A oder B Serie.
Jedoch ist dieser mir noch nicht unter die Augen gekommen, oder doch?
Nein.
Fast automatisch befuhr ich den Parkplatz und ging wie verzaubert auf den unübersehbaren Wagen zu.
Da stand er, der Blech gewordene Traum meiner Kindheit, den schon stolz mein Vater als Admiral Version in weiß mit schwarzem Dach fuhr.
Viele Jahre noch schwärmte mein Dad von dem Wagen, den er sich gerne wieder gekauft hätte, die aber- wenn man sie überhaupt bekam- sehr mit Korrosion zu kämpfen hatten. Internet gab es noch nicht und somit beschränkte sich die Suche damals auf das Hamburger Abendblatt. - Erfolglos.
Ich stand nun also an diesem deutsch-amerikanischen Projekt der 60iger Jahre und vernahm mit Freuden die Reaktionen der jungen Leute, die ihn für einen „Ami“ hielten oder der älteren Baumarktkunden, die sich an das imposante Erscheinungsbild erinnerten und was von Kapitän nuschelten.
Recht hatten ja irgendwie Beide.
Wartend, egal wie lange es dauert bis der Besitzer kommt so dachte ich, stand ich da wie ein kleiner Junge, der wartet, dass Papa die Türen aufschließt.
Plötzlich schellt das Handy. Meine Frau: „Hast du schon ein Geschenk für Nina gefunden?“
- „Oh, was für ein Geschenk, ich meine ja- nein - eher für mich, aber nicht für Nina“, bekam sie zur Antwort.
-„Ich kann jetzt nicht und rufe später zurück, ich mach das schon irgendwie…“
Im Gedanken sah ich mich schon verzweifelt, eine von der Tankstelle gekaufte Thermoskanne, als Geschenk an Nina verpacken.
Plötzlich kam er denn doch, der Besitzer, mit beneidenswerter Mähne zum Pferdeschwanz gebunden, Kind an der Hand, jünger als ich und mit abgeklärten Blick, als wolle er sagen: „Ja, ich weiß, so was wie den alten Opel hier sieht man kaum noch…“.
Ich stellte vorsichtig einige unaufdringliche Fragen, hätte aber am liebsten gleich drauf los geschrieen: „Ich will ihn haben – jetzt!“
Er setzte sein Kind ins Auto und fing sehr nett an zu plaudern über das Auto, die Investitionen die er tätigte, die Besitzverhältnisse vor ihm etc.
Und auf die Andeutung, ob er vielleicht verkaufen wolle, ging er bejahend ein.
Huch?
Ja, aber erst im Frühling und mal sehen, ob er es emotional überhaupt übers Herz bringt, nach 10 Jahren Verbundenheit, meinte er noch.
Da fiel mir ein, dass ich genau das Auto, vor ca. 10 Jahren in Hamburg schon einmal sah, ihm nach fuhr und dezent zum Anhalten drängte.
Damals war ich schon fiebrig auf dieses Schmuckstück, aber hatte keine Chance ihn zu erwerben, weil der stolze Besitzer ihn grad selbst gekauft hatte.
Nun, ein Jahrzehnt später, gleiche Konstellation, neuer Anlauf und es scheint zu klappen.
Nach einigem hin und her sowie einem umwerfend fairen Preisvorschlag, seitens des 35 jährigen Besitzers, schlugen wir per Handschlag ein, mit den Worten:
„Wenn ich ihn verkaufen werde, bekommst du den Wagen für den abgesprochenen Preis, denn bei dir scheint der Wagen in guten Händen zu sein“.
Ich überreichte ihn meine Karte und wir trennten uns.
Ein tolles Gefühl, zu wissen, vielleicht bald diesen Wagen zu haben – aber Moment – wenn er nun überall rum erzählt, dass er ihn verkaufen will und zu welchem Preis, denn kann ich den Deal meiner Träume mal ganz schnell vergessen, weil ein Anderer ihn sofort kaufen wird. Ganz sicher!!!!
Warum sollte er dennoch an mich verkaufen?
Weil ich nett war?
Das ist halb China auch!
Irgendwie muss ich diesen Mann, von dem ich nur den Vornamen und seine Frisur kenne, erreichen um ihn zu überreden, dass er möglichst schnell an mich verkaufen kann und das Geld schon bei mir bereit liegt.
Seinen Stadtteil, in dem er wohnt verriet er noch, aber mehr auch nicht. Verdammt!
Wie konnte ich ihn ziehen lassen, ohne Telefonnummer oder sonst irgendwas. Es blieb mir nur das tagelange Warten und durch seinen Ortsteil fahren, um ihn vielleicht irgendwo zufällig zu finden. Erfolglos- und das Telefon schwieg.
Meine Gedanken und Verzweiflungen, nun dieses Auto doch nicht zu bekommen, weil ich zu blöd war, eine Telefonnummer zu erfragen, übertrugen sich bis in die nächtlichen Träume, auch nach einer Woche, seit der Begegnung.
Bin ich Autosüchtig? Wer weiß. Ich muss mit fast vierzig Jahren mal lernen, ruhiger zu werden.
Vielleicht bin ich aber auch nur ein benzinkranken Nostalgiker, der seiner Kindheit nachrennt.
Was auch immer es ist, ich vergesse nie den Höhenflug, als der Besitzer Gunnar dann doch anrief und mir zusagte, den Wagen 5 Tage später kaufen zu können, weil er und seine Frau sich entschieden haben, sich von dem beigefarbenen Benzinmonster zu trennen.
Nahe der Bewusstlosigkeit und nach Worten suchend, schrieb ich mir alle seine Telefonnummern und Anschrift auf, wusste aber, dass die nächsten 5 Tage bis zur Übergabe, chronisches Herzrasen und Appetitlosigkeit bedeuten.
Erst wenn der Diplomat in meiner Garage steht, werde ich runterfahren können und wieder feste Nahrung zu mir nehmen. Meine Frau ließ mich wissen, dass sie langsam die Worte Opel Diplomat, V8, Power Glide und andere Auto bezogene Daten, nicht mehr hören will und kann.
Statt auf Grund des positiven Anrufes von Gunnar nun entspannter zu werden, wurde das eher schlimmer mit mir und ich musste mich zwingen nicht anzurufen, um den Deal auf Krampf vorzuziehen. Vielleicht kommt ja doch noch was dazwischen, so meine Vermutung.
Und so war es auch.
Diplomat-Gunnar erzählte einem guten Bekannten seiner Frau von dem Verkauf und dieser wollte den Wagen gerne mal ansehen.
Anschließend bot dieser wahr gewordene Typ aus meinen Albträumen auch noch mehr Geld…
Wäre dieser Gunnar- nennen wir ihn Ehrenmann- nicht so ein wohl erzogener Hanseat geworden, dessen Wort und Handschlag noch zählt, so würde nun ein Anderer dieses chrombepackte Raumschiff besitzen.
Noch mal ganz langsam: Trotz höherem finanziellen Angebot und freundschaftlichen Bekanntheitsgrad, hielt er sein Wort und verkaufte das Auto an mich ohne Preiserhöhung! So etwas gibt es also doch noch.
Ich gebe an dieser Stelle zu, feuchte Augen gehabt zu haben und erfreue mich seitdem an diesen Wagen, dessen Ersatzteile eben so selten sind wie Mondgestein und das Preisniveau von Mercedes Oldtimern längst erreicht haben.
Ebenfalls schäme ich mich nicht zu gestehen, dass ich sehr lange und oft nur in meiner kleinen Halle um das Auto herum lief und das Fahrzeug schweigend bewunderte.
Seitdem sind viele Monate vergangen und egal wo ich mit diesem Wagen auftauche, erregen das Blubbern und die Außenmaße allgemeines Aufsehen.
- Schade, Papa, dass du das, neben der Geburt meiner wundervollen beiden Töchter, nicht mehr erleben durftest -

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Diskussionen
Schöne Geschichte. Manchmal hat man auch ein bißchen Glück im Leben. Viel Spaß mit dem guten Stück.
Der Gunnar wusste bestimmt insgeheim, dass der Opel bei dir in Guten Händen ist.....;-))
Oft entscheidet die Symphatie und nicht das Geld.
Tolle Story..
Vielen Dank für deine Bewertung und den lieben Kommentar!
Grins, Autokaufen kann so spannend sein! Ich hab auch jedesmal ein paar Kilo abgenommen dabei, aber es ist es wert! Besonders bei so einem Traumschiff wie Deinem Diplomat.....