Die Liebe zum W116 oder was man bei der Instandsetzung falsch machen kann.
Da stand er nun im Sommer 2003 auf dem Bonner Venusberg: Mercedes-Benz 280 S, werksintern W116, von 1975 in caledonian green mit Pepita-Inneneinrichtung - zunächst ungewohnt bis schockierend, aber eben ein Kind seiner Zeit. Die Ausstattung merkwürdig: Automatik, elektrisches Schiebedach, Radio mit Automatik-Antenne, Innenverstärkung der Türen, aber kein rechter Aussenspiegel, keine heizbare Heckscheibe, keine Kopfstützen hinten, kein wärmedämmendes Glas, schon gar keine Zentralverriegelung oder E-Fensterheber. Das gute Stück lief zunächst drei Monate als Vorführfahrzeug - wahrscheinlich hatte man nur das einbauen lassen, was man damals demonstrieren wollte. Der Kaufpreis betrug seinerzeit stolze 28.000.- Deutschmark.
Eigentlich wollte ich dem Besitzer, einem Freund der Familie, nur raten, was er damit machen soll. Er hatte mit 86 das Fahren aufgegeben. Auf die Frage, ob ich ihn nicht umme für mich haben wolle, griff ich zu - nach kurzem Überlegen, schließlich handelte es sich nicht um ein leicht unterzubringendes und zu unterhaltendes ( gelegentliches Abstauben ) Modellauto.
Seit 18 Monaten war der Oldie abgemeldet, Zustand äusserlich relativ gut, aber doch eine Neulackierung erfordernd, wollte man ihn gerne anschauen.
Zur Klärung, ob sich der Aufwand lohnt, wurde das betagte Stück zu Mercedes-Benz in Bonn geschafft - zunächst zum Check durch den TÜV, dann ggf.
zur weiteren Prüfung bzw. Instandsetzung in der Daimler-Werkstatt. Die erste TÜV-Prüfung missriet wegen der Bremsen, die zweite erteilte dann den Segen.
Die Frage, ob die Karosserie in Ordnung sei, wurde positiv beantwortet. Ein - unbeeinflusstes - Gutachten mit 2 minus ( etwas verwunderlich, denn eine wirkliche 2 war erst etliche tausend Euro später erreicht ) war ein weiteres Startzeichen für Investitionen.
Die Mercedes-Benz-Werkstatt in Bonn erneuerte hauptsächlich die komplette Bremsanlage, machte aber auch dies und das. Das ziemlich laute Auspuffgeräusch wurde als normal bezeichnet - vier Wochen später war das Ende nicht mehr zu überhören. Dass die Heizung bei allen Einstellungen volle Leistung ablieferte, wurde trotz hochsommerlicher Temperaturen nicht bemerkt. Am Ende waren die ersten knapp 3.000 Euro weg. Selber schuld - aber in Bonn hatte ich nun gar keine Kontakte, ausserdem waren nutzbare Bremsen die Voraussetzung für die HU und die Reise nach Hamburg.
Nächste Station war aber vorher noch eine Karosserie-Werkstatt in Köln, die die erkennbaren Schäden - siehe Fotos - beseitigen sollte, und die Lackiererei. Ich dachte über eine weniger ungewöhnliche Farbe nach, entschied mich dann aber zum Glück für den Geist der Zeit, der ja auch besser zur kuriosen Innenausstattung passte.
Schon waren die nächsten 4.000 Euro weg .Dazu kamen noch ungefähr 1.000 Euro für einen neuen vorderen Querträger und viel neuen Chrom - glücklicherweise noch alles erhältlich.
Damit war der Zeitwert des Fahrzeugs schon überschritten.
Die Reise nach Hamburg war relativ problemlos, irgendwann irritierte nur, dass der Wagen selbstbestimmt mal etwas Gas gab und wieder wegnahm.
Als technischer Laie tippte ich auf die Automatik und fand in der Nähe der Autobahn eine Mercedes-Benz-Werkstatt. Tja, mit der alten Automatik kenne sich nur noch ein Mitarbeiter aus, und der sei in Urlaub. So fuhr ich wieder auf die Autobahn und erreichte mit den kleinen Eigenbewegungen schliesslich Hamburg.
Die galt es nun in Hamburg zu erforschen. Eine auf ältere Fahrzeuge spezialisierte Werkstatt machte sich daran zu schaffen - inzwischen war klar, dass
es der Motor war. Die Bemühungen brachten zwar eine Besserung, nicht aber die Eliminierung des Übels. In den Kosten von ca. 1300.- Euro waren u.a. drin die Einstellung der Ventile, Einbau eines neuen Simmerungs, Vergaserein- und ausbau und der Einbau eines neuen Gurts vorne und zweier bisher noch nicht anwesender hinten. Die kosteten beim Daimler alleine fast 600 Euro. 100 davon wurden freundlicherweise nach der Frage an die Stuttgarter Zentrale, ob das nicht etwas überhöht sei, erstattet.
Eine Bosch-Werkstatt in Hamburg , die noch weiss, was ein altes Auto ist, bekam die leichte Stotterei für günstige 250 Euro schliesslich in den Griff - unter anderem mit einem neuen TN-Starter.
Ach ja, eine Freundschaftspreisewerkstatt erneuerte noch für 1.000 Euro den Auspuff und den Fahrersitz - beim W116 schon mal gerne durchgesessen.
Inzwischen war so viel Geld in das Auto gewandert, dass die Furcht aufkam, der unsichtbare Rost könne ihm vorzeitig den Garaus machen. Schon stand die nächste Geldausgabe an: Trockeneisstrahlen, in Hamburg für 1.500, in Berlin für 800 Eurozu haben - da rentierte sich die Reise.
Auch wieder der Anfang eines grösseren Geldstroms, leider in die falsche Richtung: Vom TÜV aufgrund guter Kleisterarbeit nicht entdeckt, harrten faustgroße Löcher im linken Schweller sowie im Beifahrerfussraum und im inneren hinteren Kotflügel der Beseitigung. Das nicht sichtbare Innenleben wurde endoskopisch untersucht, das Äussere auf Spachtel und Unfallschäden, glücklicherweise nicht vorhanden. ( Nota bene: Kaufe auch nicht den bestaussehenden W116 ohne Endoskopie.) Dann natürlich eine stellenweise Nachlackierung und eine Versiegelung - summa summarum wiederum fast 4.000 Euro.
Dafür gab's dann 2005 problemlos und mit Bewunderung das ersehnte H - nach zwei Jahren mit jeweils über 700 Euro Steuer, weil ein Kat 2003 schon nicht
mehr erhältlich war.
Natürlich war die Reihenfolge der Arbeiten völliger Unsinn. Mit dem Trockeneisstrahlen hätte begonnen werden müssen, dann Endoskopie und Spachtelortung, Schweißen, Lackierung, Versiegelung und schliesslich die technischen Arbeiten.
Hätte der TÜV den notwendigen Aufwand erkannt, hätte ich das Auto wahrscheinlich in Bonn gelassen. Aber: Die Ausgaben sind inzwischen vergessen, irgendwann wird der Wagen sie auch wieder einbringen. Dafür habe ich ein Fahrzeug mit einem heute nicht mehr zu findenden fast herrschaftlichen Fahrgefühl und großem Fahrvergnügen - auch wenn die Aufenthalte an den Tankstellen bei 15 l auf 100 km immer etwas schmerzen. Natürlich ist der Wagen voll alltagstauglich, wird aber bei schlechtem Wetter nicht ausgeführt, im Winter deshalb nur selten. Dann wird er ersatzweise angeguckt. Wie der 1303 daneben, aber das ist eine andere Geschichte.
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Die Liebe zum W116 … 26.10.2007
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… oder was man bei der Instandsetzung alles falsch machen kann
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Diskussionen
Schöne Geschichte! Fast wäre es bei mir auch ein W116 er geworden bis der Consul dazwischen kam. Ich kann die Ausgaben nachvollziehen. Manche hängen so an Ihrem Auto, das die Ausgaben nichts mehr mit wirtschaftlicher Vernunft zu tun haben. Ich hätte kein Problem damit in mein Auto, das vielleicht 5K Wert ist nochmal 5 rein zu stecken.
Da bist Du mit ca 16T€ ohne Anschaffungskosten bei einem Preis für den es ein Auto gibt was original und richtig gut ist.
Warum hast Du das gemacht?
Es gibt so viel Kaufberatung im Internet, das man mit etwas Zeit am Computer, gut gerüstet zum Oldikauf schreiten kann.
Leider werden viele solche Autos wie Du eines erwischt
hast mit geschönten Gutachten angeboten.
Trotz dem viel Spass mit dem 116er
Gruß
Reiner
www.mercedesyoungtimer.de
Schöner und letztlich finanziell gesehen auch etwas trauriger Bericht. Die S-Klasse war nun schon immer etwas teurer, man darf die relativ geringen Einstandspreise nicht mit den Folgekosten verwechseln.
Ich stehe nun auch vor der Entscheidung, mir einen 350SE von 1979 aus 1. Hand (!), aber schon fünf Jahre abgemeldet und trocken stehend "anzulachen". Habe aber Endoskop und kenne mich mit der alten oder auch ersten echten S-Klasse W116 relativ gut aus. Werde trotzdem vor dem Kauf einen alten Mercedes-Meister mitnehmen .... und dann mal sehen ...
Darf man fragen, was die damalige Erwerbung kostete? Mehr als einen 1000er ? Der damalige 280 S als Vergaser war und ist ja nicht sehr gesucht - na ja der 350er auch nicht, wenn V8 dann gerne den 450er.
Bin gerne zum Erfahrungsaustausch bereit, gerne e-mail an oldi-oldenburg@ewetel.net
Tragisch-komische Geschichte, sehr schön geschrieben. Wirtschaftlich gesehen natürlich Wahnsinn. Aber solche rationalen Erwägungen perlen an Liebhabern ab.-)
Hallo ? Das waren mal schlappe 15850 Euro (wenn ich richtig gerechnet habe) für einen W116 mit endgültiger Note 2 ???? Das tut aber dann doch weh !
haarsträubend!