Meine Heimat, die Ostfriesische Halbinsel, ist so ziemlich die letzte Gegend, wo Rennfahrer auf den Bäumen wachsen. Kurven sind nämlich Mangelware. Da, wo ich herkomme, macht eigentlich nur der Deich eine Krümmung. Nicht mal die Schafe machen beim Kacken nen Buckel. Man kann allerhöchstens Aquaplaningfahrten üben, weil es viel schifft und die Straßen verlässlich geradeaus gehen.
Trotzdem machten wir (mein Stiefvater, der das PS-Virus schon in sich trug und ich) uns an einem überwiegend grauen Wochenende im Jahre 1984 auf den Weg zu einem Motorsportereignis. Es war ein historisches Datum und das hatte sich sogar bis zu uns herumgesprochen: Am Nürburgring würde die neue Grand-Prix-Strecke feierlich eröffnet werden, nachdem die alte Nordschleife im Anschluss an Niki Laudas Feuerwerk für die höchsten Motorsportklassen gesperrt worden war.
Also lautete der Beschluss, dass man dabei gewesen sein muss. Schon die Anfahrt hatte etwas Besonderes: Allerlei sportliche Fahrzeuge, teilweise in Kriegsbemalung und mit Helmen auf den Rücksitzen, rauschten auf den Autobahnen 1, 48 und 61 in Richtung Eifel. Eine Zeit lang fuhren wir neben einem BMW M1 her, der beim Gaswegnehmen Flammen aus dem Auspuff züngeln ließ. Ich war 20. Es war aufregend.
Doch die Stimmung am Ziel war anfangs nicht so richtig geil. Eifelwetter. Die neue Strecke war extrem retortenmäßig. Die Tribünen waren sehr weit von der Piste entfernt. Man brauchte Operngläser, um Details zu erkennen. Alleinige Attraktion: Eines der Eröffnungsrennen wurde mit identischen Mercedes 190 E 2.3-16V durchgeführt. Ein bis dahin noch weitgehend unbekannter Brasilianer namens Ayrton Senna da Silva machte das Feld komplett nass – inklusive eben jenem Niki Lauda, der allerdings immer noch ein tierischer Fighter war und Platz zwei belegte. Aus der Ferne war das jedoch ziemlich unspektakulär – aus der Perspektive des Unwissenden. Es handelte sich ja eben nicht um brüllende und abartig schnelle Formel-1-Renner, sondern um Mercedes-Serienfahrzeuge, die zu der Zeit als nicht so wahnsinnig sportlich galten.
Viel aufregender war das Fahrtraining auf der alten Nordschleife, zu dem wir uns ebenfalls angemeldet hatten. Die Strecke war bereits legendär – ein schmales, mehr als 20 Kilometer langes Asphaltgeschlängel mit greifbar nahen Leitplanken auf jeder Seite. Nicht so ein weitläufiges Olympia-Stadion wie der neue Kurs.
Für den Lehrgang wurde die Nordschleife in Sektionen eingeteilt und jeder Abschnitt bis zum Erbrechen durchgefahren, wieder und wieder. Zum Schluss dann die gesamte Runde. Mehrmals. Es nieselte die ganze Zeit, mal regnete es Bindfäden, und die Strecke wurde niemals richtig trocken zwischendurch. Es war also rutschig. Ich saß die meiste Zeit auf dem Beifahrersitz, aber ich hatte meinen Spass. Es passierte nämlich Einiges. Einer der Kursteilnehmer hatte seinen getunten 5er-BMW in der Wehrseifen-Kurve in die Leitplanke gesemmelt – in die innere wohlgemerkt (zu schnell, in der Kurve gebremst, Heck bricht aus, und zwar zackig, peng). Als mein Stiefvater endlich keinen Bock mehr hatte und müde wurde, fuhr er ins Fahrerlager und drückte mir den Schlüssel vom 911 in die Hand. An den genauen Wortlaut kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es muss so etwas wie „such doch mal ne Tankstelle und lass ihn waschen“ gewesen sein.
Doch das hatte Zeit. Ich steckte mir ne Fluppe an und traf Jens, den Sohn des Autohändlers aus unserem Kaff. Die machten auch einen Vater-und-Sohn-Ausflug. Ich lud Jens ein, einzusteigen und mitzufahren. Meine erste eigene Runde auf der Nordschleife – am Steuer eines 911 SC.
Wir sind nicht sehr weit gekommen. Es war alles sehr verwirrend. Und nass. Und rutschig. So viele Kurven. 73 Stück und jede anders. Plötzlich ging es rechts rum, und dann kreiselten wir raus. Runter geschaltet, eingelenkt, Kupplung zu schnell kommen lassen, die Reifen machten „wwhheeeeefffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffff“. Glitsch. Rumpel. Stille.
Wir guckten uns an. Jens war in Ordnung. Ein bisschen blass vielleicht, aber in Ordnung. Ich war auch okay. Und heilfroh, dass wir die Leitplanke nicht berührt hatten. Das Heck des Elfers war ihr ganz nahe. Den Motor hatte ich abgewürgt. Mann, was für ein Schwein ich doch hatte.
Nach meiner heutigen Streckenkenntnis, die mittlerweile (fast 24 Jahre später) ganz gut ist, muss es die Arembergkurve gewesen sein, aber wahrscheinlicher noch, kurz darauf, die Ausgangs-Rechts im Adenauer Forst. Dort sind die Leitplanken auf der rechten Seite auch mehr als eine Wagenlänge weit weg von der Strecke. Das Wichtigste: Keine Beule, nicht mal ein Kratzer in einer Fuchs-Felge.
Dafür sah der Lack aus wie die Sau. Weil der Regen den Boden so durchgeweicht hatte und wir mit durchdrehenden Rädern wieder in Richtung Asphalt robbten, sah der ursprünglich weisse Porsche am Ende so aus wie ne alte Keramikschüssel auf ner sizilianischen Gemeinschaftstoilette.
„Du wolltest ihn doch waschen“, sagte mein Stiefvater etwas mürrisch und unausgeschlafen, als wir mit dem sehr dreckigen, aber unverbeulten Auto wieder das Fahrerlager erreichten. Ich hab nicht geantwortet. Ich hab bloß mit den Schultern gezuckt.
Auf der neuen GP-Strecke hatte an diesem Wochenende ein Typ, der bloß knapp vier Jahre älter war als ich, alle anderen nass gemacht. Wie gesagt, es war ein historisches Datum, aber wie so oft ist man im Leben mehr mit sich selbst beschäftigt. Schaut Euch doch mal ein kurzes Video vom Eröffnungsrennen an – inklusive dem sehr trockenen Kommentar von John Surtees: http://www.mb190.de/nuerburgring_1984.html
Ich denke, Ihr werdet es mögen.

Warum Registrieren?









Diskussionen
. . . da kriegt man doch gerade nochmals Herzklopfen, weil jedem der schon mal Nordschleife gefahren ist, genau weiss, wie wenig es erträgt.
. . . und eben war man noch flott unterwegs und schon kehrt man mit dem öV heim (oder gar im Krankenwagen - auch eine Art öV).
Tolle Story
Sportlicher Gruss
Cavallino
Nein. Es gibt offenbar so ein Alter, in dem Jugendliche mit Ihren Eltern nicht wirklich kommunizieren. Oder besser gesagt: Sie reden aneinander vorbei. Ich hoffe, er hat es nicht gemerkt, aber ich glaube, er hat es doch. Ich werde ihn nicht fragen. So gesehen bleibt da eine Grauzone.
Sehr spannende Geschichte-war sicherlich aufregend-hast ja echt Schwein gehabt, daß nix passiert ist..
Hast du es deinem Vater später mal gebeichtet ?
Danke
super video - toller tip! und eine schön geschriebene blechgeschichte. ich komme gebürtig aus bremen, also auch aus dem norden und kann mich auch gut daran erinnern wie die autobahnen voll waren wenn man richtung süden gefahren ist um motorsport zu erleben.