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Einen Sommer lang unterwegs wie JFK…

Fahrer Escarabajo
Eingestellt am: 28.02.2008 Zuletzt bearb.: 28.02.2008 Gelesen: 13 Nominierung: Nachricht schreiben
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Über: Lincoln Continental

Es war einmal ein warmer Sommer am beschaulichen Hochrhein in der Nähe von Basel. Ich war 18 Jahre alt, war seit jeher vom Autovirus befallen und hatte seit ein paar Monaten den Führerschein. Wie die meisten Jungs in dem Alter fühlte auch ich mich unsterblich und hatte größtenteils Schwachsinn im Kopf.

So ähnlich sah er aus - nur nicht so gut...

So ähnlich sah er aus - nur nicht so gut...

Eines Tages entdeckte ich im Privatparkhaus einer Wohnanlage, in der ein Freund wohnte, einen Lincoln Continental (ähnlich dem Foto). Was für ein Auto! Was für Dimensionen! Es war ein 1964er Modell, in jämmerlichem Zustand, sehr schlecht in rot lackiert, offenbar ein Cabriolet, doch das Dach fehlte. Der gesamte Innenraum war voll von Kram: tütenweise Reisepässe von irgendwelchen Leuten aus irgendwelchen Ländern, Kinderspielzeug, alte Schuhe, Cassetten, Briefe, Rechnungen. Alles sehr seltsam. Direkt neben dem Lincoln stand noch ein in Candyrot lackierter Mercedes-Benz 450 SLC, rundum Königverbreitert, goldene BBS-Felgen mit platten Reifen. Damals das totale Zuhälterauto, heute eine Rarität.

Der Lincoln war natürlich obercool, und mein Kumpel bemühte sich rauszukriegen, wem das Auto gehörte. Wie der Besitzer dann aussah, war fast zu erwarten: Vokuhila-Frisur, Oberlippenbart, Goldkettchen. Typ Lude eben. Nach ein wenig Nachhaken (verdächtig wenig Nachhaken eigentlich…) überliess er uns den Wagen für 2.500 Mark. Der Continental war im September 1964 in der Schweiz erstmals zugelassen worden. Es war die große Maschine mit einem 7,6 Liter-V8 und 365 SAE-PS drin. Ein Schweizer Brief war dabei, die Schlüssel fehlten allerdings. Es war eigentlich eine Limousine, es hatte aber jemand einfach das Dach abgesägt! Dank der selbsttragenden Karosserie spielte das aber zunächst keine große Rolle. Erst als sich der Lincoln wegen seines doch recht hohen Gewichts und der wohl nicht mehr ganz taufrischen Schweller doch irgendwann ein wenig verzog und eine der hinteren Türen klemmte, war Obacht angesagt. Die Originalfarbe war übrigens schwarz, jemand hatte einfach ein Knallrot drübergejaucht.

Naja, wir kauften den Wagen wie gesagt zu viert, aber ich war einer von zweien, die zu der Zeit überhaupt einen Führerschein hatten. Von einem befreundeten Autohaus gab’s rote Nummern, dann für 20 Mark Sprit rein, und ab durch den sommerlichen Südschwarzwald. Die Rückbank füllte sich ziemlich schnell mit den Mädels aus dem Dorf.

Mangels Schlüssel hieß es, das Ding vorn im Motorraum mit einem Schraubenzieher kurzzuschließen. Vorne rechts trat Bremsflüssigkeit aus, aber das war egal. Wir wollten ja schließlich fahren und nicht bremsen. Die Vergaseranlage war dermaßen verstellt, dass es stets 10 Minuten brauchte, den kalten Wagen zum Laufen zu bringen. Aber wenn er mal lief: Wahnsinn!! Das kolossal mächtige Blubbern eines 7,6 Liter-V8 durch eine löchrige Auspuffanlage! Was für ein Monster! Wenn man ihn richtig trat (idealerweise im Rollen auf N schalten und dann treten), bebte der Boden, und die Corsa-Polo-Fraktion am üblichen Jugendtreff verrenkte sich die Nackenwirbel. Eigentlich ziemlich idiotisch und kindisch, damals war das aber urkomisch. Ich hatte spaßeshalber mal den Verbrauch ausgerechnet - 29,6 Liter auf 100 km! Na gut, hätte man mit anständiger Fahrweise vielleicht auf rund 20 drücken können.

Einmal - wir waren zu viert unterwegs - ging es durch unsere kleine 15.000 Seelen-Stadt. Mitten in einer engen Rechtskurve ging die Karre plötzlich aus - und damit auch die Servolenkung und die Servobremse! Heilige Scheiße! Dann mit purer Muskelkraft ein Über-Zwei-Tonnen-Gefährt ums Eck wuchten, ohne in den Gegenverkehr zu geraten, war nicht lustig. Genau da stand aber eine kleine, unschuldige Ente und ahnte nichts vom herannahenden Unglück. Es müssen um die zwei Zentimeter gewesen sein, die sich der Lincoln an der Ente vorbeihievte. Herztod! Wegen des Schlüsselproblems hiess es voll ins Eisen treten (so gut es eben ging), und es musste dann jemand rausspringen, die Motorhaube öffnen und das Ding wieder kurzschließen - meistens ging das gut.

Nur einmal überquerten wir eine Ampelkreuzung über die Bundesstrasse 34, als mitten im Verkehr und mitten auf der Kreuzung der Lincoln wieder ausging. Wir kannten das Prozedere schon: Motorhaube entriegeln, einer springt raus, schließt kurz, hopp wieder reingesprungen und weiter gehts. Für die anderen Verkehrsteilnehmer muss es derweil etwas befremdlich gewirkt haben: vier Jungs fahren mit einem riesigen offenen Ami-Dickschiff durch ein beschauliches südbadisches Städtchen und schließen alle Nase lang mitten im Straßenverkehr kurz. Wir taten natürlich so, als sei das ganz normal.

Ebenso ungerührt saßen wir im Wagen, wenn es anfing zu regnen. Ein Dach war Fehlanzeige, also wurden wir eben nass. Bloss nicht die Haltung verlieren, wer sich zuerst die Regentropfen aus dem Gesicht wischt, hat verloren.

Irgendwann funktionierte die Elektrik nicht mehr so, wie sie sollte. Der Blinker stellte seinen Dienst ein, also hielt künftig entweder der Fahrer oder der Beifahrer (je nachdem, in welche Richtung es gehen sollte) seinen Arm raus.

Auf Dauer war der Spaß natürlich viel zu teuer, und wir hatten alle keine Ahnung von Technik. Als der Sommer vorbei war, inserierten wir das Auto und verkauften ihn für das gleiche Geld an jemanden aus Freiburg.

Was für ein herrlicher Sommer…

Diskussionen


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Jürgen-en-Mustang
Jürgen-en-Mustang 27.02.2010

Naja, also bei DEM Auto einfach das Dach abgesägt - wunder daß er nicht durchgeknickt ist! Das war schon bei den richtig als Convertible gebauten Exemplaren keine steife Struktur mehr, als Limousine ohne Dach muß das abenteuerlich gewesen sein, aber das war wohl die ganze Sache überhaupt.

... Continental in rot ....

Jürgen

design
design 21.09.2008

sehr schoene geschichte ..koennte drehbuchreif sein.

btw...diser wagen sieht in jedem zustand gut aus. :)

design
design 21.09.2008

sehr schoene geschichte ..koennte drehbuchreif sein.

btw...diser wagen sieht in jedem zustand gut aus. :)

claudia0110
claudia0110 10.03.2008

Tolle, spannende Geschichte...das lesen hat mir echt Spaß gemacht..;-))) Viele Grüße

d.gxixbxl
d.gxixbxl 09.03.2008

hört sich auch irgendwie typisch amerikanisch an, im positiven sinne :)

Thilo
Thilo 06.03.2008

Super Story!

440satellite
440satellite 03.03.2008

Supergeile Geschichte. Hört sich nach einem tollen Sommer an!

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