Die Gaillards bauten vor dem ersten Weltkrieg in Tours Kutschen, zwischendurch selber Autos und dann Karosserien. Später wurden z.B. Bugattis und Lancias verkauft. Nach dem zweiten Weltkrieg folgten Porsche, VW und Mercedes.
Ives Vater war absoluter Autofreak. Er hatte in den siebzigern gleich zwei Lancias. Einen 2000er Coupe - für die Stadt - und den Flaminia - für die große Reise. Doch wir werden alle nicht jünger und so bekam sein Sohn Ives irgendwann beide Autos. Der Flamina wurde eingemottet, um ihn später mal zu restaurieren. Der 2000er wurde gefahren. Keiner hätte gedacht, dass es fast 30 Jahre dauern würde bis der Flaminia wieder aus der Garage geholt wird.
Ives hatte die Liebe und das Berufsleben nach Deutschland gebracht. So blieb einfach keine Zeit sich um den Lancia zu kümmern. Und nach einem langem Arbeitsleben waren schließlich Kinder und Enkelkinder wichtiger als alte Auto. In 2006 wurden die Zelte in Tours endgültig abgebrochen und der Flaminia mußte aus der Garage. Zum Glück fand sich so schnell kein Käufer, und da Ives wußte, dass ich einiges für alte Autos über habe, stand er eines Tages bei uns vor der Tür und fragte meine Frau, ob wir das Auto haben wollten. Die fragte noch zweimal nach, ob dass den auch sein Ernst sei. Er bestätigte das Ganze nochmal, Bedingung war, dass Auto mußte bis Ende 2006 aus Tours geholt werden.
Ich war gerade unterwegs Richtung Hamburg, als meine Frau mich anrief und die frohe Botschaft verkündete. Da ich eine Freisprechanlage im Auto habe, konnte mir zum Glück kein Hörer asu der Hand fallen. Die erste Reaktion war: Ich war reichlich geplettet, damit hatte ich nicht gerechnet. Es gingen mir Gedanken durch den Kopf: In welchem Zustand wird das Auto wohl sein? Was kostet eine Restauration? Reicht es auch das Auto einfach zu putzen und schon gehts los? Fragen über Fragen. Klar war auch, wenn man das Erbstück annimmt kommt nur eine gute Pflege in Frage - auch wenn Ives meinte, du kannst mit dem Auto machen was du willst. Aber nicht immer ist das gesprochene Wort auch das gemeinte, hier hieß es zwischen den Zeilen lesen.
Natürlich habe ich dann das Geschenk angenommen. Kurzerhand mietete ich einen Geländewagen und einen Autotrailer und schon gings los von Ostfriesland nach Tours. Ich kam abends gegen Uhr 20.00 an. Nach einem schönen Abend in der Altstadt von Tours gings dann in diesen herrlichen altbackenen französischen Hotels ins Bett, gespannt auf den nächsten Tag.
Der begann natürlich recht früh. Um Uhr 9.00 waren wir dann endlich bei der besagten Garage. Beim ersten Blick war ich dann doch etwas sprachlos. Wer einen Scheunenfund zum erstenmal sieht braucht doch sehr viel Vorstellungskraft. Zum Glück sprang das Auto nicht an - was für den Motor von Vorteil ist für den Transport aber leider von Nachteil. Ein Renault Clio mußte sich doch deutlich abplagen das Auto aus der Garage zu ziehen. Grund war eine festsitzende Bremse. Dann gings noch durch eine ca. 10 m lange dafür aber nur ca. 2,20 m schmale Durchfahrt bis das Auto auf der Straße stand. Dann verladen, ein nochmaliges dickes Dankeschön an Ives und seine Frau Helma und schon gings zurück nach Deutschland.
Gegen 24.00 Uhr statt ich vor unserer Garage. Meine Frau hatte bereits ein Folie auf den Garagenboden gelegt - so sind Frauen, zum Glück - und der Lancia war in seinem neuen Zuhause.
Am nächsten Morgen brachte ich den Jeep und den Trailer zurück und bestaunte erstmal den Lancia. Dann gings ans Putzen. Mit etwas Politur ließ sich der alte Lack - erst der zweite - wieder einigermaßen in Form bringen. Die Ledersitze waren bis auf einen Riss in der Rücksitzbank recht gut erhalten. Die Bremsen waren ohne Funktion, der Motor drehte, sprang aber nicht an und die Durchrostungen hielten sich in Grenzen - nur die Schwellerenden und im Heckbereich hinter den Rädern. Leider ist das Auto ringsum verbeult, aber dass gehört wohl zu einem Auto, welches in Frankreich gefahren wurde.
Hin oder her, Putzen und losfahren ging nicht. Nach Rücksprache mit dem Lancia Spezialisten Omicron Engineering in England startete ich die Komplettrestauration. Beim Zerlegen merkt man, was für ein Schätzchen der Flaminia eigentlich ist. Das Auto ist mit den späteren Lancias, die eigentlich Fiats sind, nicht zu vergleichen. Lancias wurden kompromißlos gebaut, ohne Rücksicht auf Kosten. 1962 kostete das Auto bereits DM 26850,00 hinzu kam die Lederausstattung mit DM 1150,-. Damit war das Auto mehr als dreimal so teuer wie ein Karmann Giha. Und das zeigt sich in den Details: Transaxle Bauweise, V6 Alu Motor, 4 Scheibenbremsen, Alumotorhaube, Alukofferdeckel, Alutank, die beliebten Steppmatten unter der Motorhaube und in den Radkästen, Messingradmuttern, getrennte Heizung für Fahrer und Beifahrer, stylische Aluverkleidungen der Schweller und der B-Säule, schöne verchromte Jäger Instrumente und so weiter und so fort. Einige Komponenten sind baugleich mit Ferrari oder Rolls.
Ich habe das Auto früher völlig verkannt. Ich sehe es von der Verarbeitung und der Technik auf dem gleichen Stand wie Exoten aller Aston Martin, Ferrari oder Maserati. Nur die Leistung ist etwas weniger, dafür ist der Preis für solch ein Auto aber auch bedeutend geringer. Leider gibt es vom Pininfarina Coupe - der Prototyp, der Florida, war übrigens Pinin Farinas persönlicher Wagen bis zu seinem Tode- nicht mehr viel gute Autos. Der Zagato ist bereits wertmäßig stark gestiegen, der Touring ist auf dem gleichen Wege. Unabhängig vom Wert würde es mich freuen, wenn der eine oder andere auf den Geschmack käme und sich mit dem Pininfarina Coupe mal beschäftigen würde. Schließlich wäre es schade wenn diese Autos vergessen werden würden.
Ich stecke noch mitten im Restaurieren, und wenn ich die Computertastatur wieder von Öl und Fett befreit habe, schreib ich noch was übers Restaurieren. Bis dann
Diskussionen
Wirklich ein tolles Fahrzeug, viel Erfolg bei der Restauration und hoffentlich bald ein paar schöne Fotos.
Vielen Dank für die Blumen!
Klaus
Sehr schöne Geschichte! Sowas möchte ich auch mal geschenkt bekommen. Ein absolutes Traumauto.
Sehr gute Geschichte wie sie das Leben schreibt! Prima erzählt. Da lese ich ebenfalls gerne wie es weiter geht.
Besten Dank.
Was für eine tolle Geschichte! Und ein toller Wagen! --------------------------------------- Fühle mich irgendwie verwandt, denn bis vor nicht all zu langer Zeit war Lancia für mich eine unbekannte Landschaft in Autoitalien. Alfa, Ferrari, Lamborghini, das ist ja klar. Aber Lancia? -------------------------------------- Eines Tages traf mich das Flavia Zagato Sport Coupe auf einer Auktion und schwupps wurde ich vertraut mit dieser sturen Kompromisslosigkeit in der sich die Lancia-Ingenineure von den Realitäten des Marktes unabhängig machten und einfach mit Material und Technik protzten, wo zeitgenössische Wettbewerber nur staunen konnten, aber keine Angebote hatten. Moderne Bremsanlagen? Selbstverständlich! Boxermotoren um den Schwerpunkt zu senken? Warum nicht! Alu-Bauteile na klar! In meinem Fall gleich die ganze Karroserie in Alu von Zagato. Selbst wenn man bei Lancia Stahlblech verwendete war es immer ungefähr doppelt so dick wie bei Fiat und den Konkurrenten... Lancia Arbeiter fertigten dafür aber immer nur einen Bruchteil der Fahrzeuge, die Fiat-Arbeiter im Verhältnis produzieren mußten. Lancia war anders. Eine Vorstellung, die heute nur noch in Nuancen bei Fahrzeugen von Lancia erkennbar ist. ------------------------- Ein Traum auch, daß Dein Wagen ein Pinninfarina-Coupe ist.. Wirklich erste Sahne und ich freu mich ebenfalls auf Fortsetzung der Geschichte und mehr Infos und Bilder usf.
Viva Lancia!
Tolle Geschichte - und sehr emotional erzählt -klasse! freu mich schon auf die nächsten episoden... lg martin