Das Ausstellungs-Coupé versinkt in der Masse von dunkelgrauen Anzugsmännern. Viele davon, so berichten Augenzeugen, versuchen im Gedränge ihre Schecks auszufüllen.
Erste Probefahrten im E-Type auf öffentlichen Straßen finden am Tag danach statt. Abfahrt vor der Messehalle. Der Andrang ist so groß, dass ein zweiter Wagen, ein Roadster, einspringen muss. Ausgerechnet im Ferrari-Land Italien, auf der Straße Rom - Ostia, ermittelte Ende 1962 die Auto-Zeitschrift Quattroruote für das E-Type-Coupé eine Höchstgeschwindigkeit von 256 km/h.
Und jetzt endlich, nach einer Zeit des ungeduldigen Wartens auf den Abschluss der Restaurationsarbeiten, darf also auch ich diesen Traum von damals wie heute fahren. Der Jaguar E-Type Roadster sieht auch in seiner 1968 vorgestellten Serie >>1 1/2<< Version noch immer betörend und vor allem einzigartig aus: die endlos lange, nach vorn abgerundete Motorhaube mit dem ovalen Lufteinlass, das Spitz zulaufende Wagenheck mit den sanften Rundungen über den Hinterrädern und das winzige Sportfahrer-Cockpit mit dem traditionellen, dreispeichigen Holzlenkrad.
Interessant: wenn man den Wagen aus verschiedenen Positionen betrachtet, sieht die Farbe - aufgrund der Spezial-Mehrschichtlackierung "Pearl Willow Green", die 800 Euro pro Kilo kostet - von jedem Standort immer anders aus. Mal leuchtet sie petrolgrün, mal ist es ein sattes wiesengrün, mal glänzt sie giftig grün. "Wahnsinn, was für ein schönes Kätzchen!", denke ich.
Die Hände liegen auf dem Holzkranz des nahe am Instrumentenbrett montierten Lenkrads. Es folgt der prüfende Griff zum kurzen, ideal platzierten Schalthebel. Und dann weiden sich die Augen an der schier endlos langen Motorhaube mit dem Power-Buckel in den Mitte - alles meins!
Meine Hände greifen zur Zündung, ein kurzer Dreh, und ein angriffslustiges lautes rennwagengleiches Brüllen läßt die Garage erschauern. Das mit dem "Kätzchen" war wohl ein kleiner Irrtum!
Ich fahre - der Motor, auch mit den drei SU-Vergasern, tut immer noch das, was Jaguar einst versprach. Mit dem Lenkrad dirigiere ich den vor mir liegenden Wagenkörper in die gewünschte Richtung und folge ihm unauffällig. Die ellenlange Wagenfront hebt und senkt sich beim Fahren und muss mit Feingefühl durch Kurven gezwungen werden.
Auf der Autobahn zwischen Alpen und Kevelaer hat die NATO ein Stück der Fahrbahn drei komma zwei Kilometer schnurgerade bauen lassen, mit einem guten griffigen Belag versehen, damit im Notfall Düsenjets dort landen können. Also, eine ideale Teststrecke für meine geplante Probefahrt.
Bei der Auffahrt auf die Autobahn A57 in Rheinberg werde ich im dritten Gang in die Sitze gedrückt, und bekomme nochmals mit Nachdruck zu spüren, dass dieses Kätzchen wohl doch eher eine Raubkatze ist.
Bei 3500 Umdrehungen und 80 Meilen (ca. 130 km/h) auf dem Tacho schalte ich in den vierten und letzten Gang. Der Motor läuft ruhig und ausgezeichnet.
Der Wind, ich fahre selbstverständlich offen, nimmt mir etwas den Atem, so dass ich mich dazu entschließe, die Fensterscheiben hoch zu drehen.
Der Jaguar und ich gelangen nach einer nur kurzen Anfreundungszeit auf den Autobahnabschnitt, der für die NATO gebaut wurde. Bis hierhin läuft alles prächtig, und ich bin gespannt auf den Beschleunigungstest.
Im vierten Gang von 130 auf 240 km/h und schneller fährt der vierzig Jahre alte Klassiker sauber, gleichmäßig und schnell genug, um nach zirka einem Kilometer Höchstgeschwindigkeit zu erreichen.
Mir bleibt schier die Luft weg, doch zu keiner Zeit habe ich das Gefühl der Unsicherheit. Der Motor brüllt wie ein Raubtier, und der Wagen liegt auch bei Höchstgeschwindigkeit exzellent auf der Straße. Wenn er jetzt noch Flügel hätte, würden wir der NATO die hervorragenden Pistenbedingungen der Autobahn für Start und Landung belegen können.
Der E-Type ist tatsächlich sauschnell. Dieser Traum vermitteltet das Gefühl von einer brachialen Kraft angetrieben zu werden, mit Nähe zur Straße und der Erfahrung des ursprünglichen Autofahrens. So, wie ich es noch nie zuvor erlebt habe.
Ein Auto für den Sportsmann - und alles andere als ein Kätzchen!

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