Kurvendiskussion
Über die billigste Möglichkeit, im Motorsport einzusteigen
Das musste ja eines Tages so kommen. Bei gemischten Schrauberteams möchte jeder den anderen von den Qualitäten seiner Marke oder seines Modells überzeugen. In unserem Fall heißt das Panhard gegen Ford Capri. Und nachdem wir im letzten Jahr ein 12 Stunden Panhard Rennen absolviert haben, bei dem Capri Fahrer Harald erstmals einen Panhard Dyna bewegte kommt nun die Retourkutsche als unablehnbares Geburtstagsgeschenk. Ein offenes Slalomrennen. Warum Slalom? Die Antwort ist simpel. Es ist die einfachste und günstigste Möglichkeit sich im Rennsport auszuprobieren, auch mit Oldtimern. Die Teilnahme an der hier beschriebenen Veranstaltung war zudem auch als Test gedacht. Der eingesetzte Capri 3 soll bald in der GTC (Gran Tourismo Classic) eingesetzt werden. Wie aber ein Auto testen, dass keine Straßenzulassung mehr hat? Oder überhaupt mal ausprobieren, ob man selbst das Zeug zum Rennfahren hat, ohne gleich einen vierstelligen Betrag zu investieren? Beim Slalomfahren sind die Kosten zunächst sehr niedrig. Eine Clublizenz, die beim ersten Rennen beantragt wird und für ADAC Mitglieder 14,-€ kostet, eine Startgebühr von 15,-€ und Sprit für kanpp 3km Wegstrecke. 3km hören sich zunächst nach wenig an. Der Fahrspaß und die gewonnene Erfahrung sind aber enorm, vor allem wenn mehrere Fahrer mit dem gleichen Auto starten, was auch möglich ist. Die Vorbereitungen am Einsatzfahrzeug sind je nach Startklasse verschieden. Prinzipiell kann man mit einem völlig normalen Straßenfahrzeug starten. Einzige Voraussetzung ist das Vorhandensein eine Gurt und eines Katalysators, der aber nicht geregelt sein muss, so dass damit jeder viertaktende Benziner in Frage kommt. Hat das Auto eine gültige Straßenzulassung kann es auch schon losgehen. Autos ohne Zulassung benötigen wie sonst auch einen Wagenpass des DSMB (Deutscher Motorsport Bund) Das Regelwerk kann man beim DSMB als Handbuch jährlich aktualisiert beziehen und sein Auto entsprechend modifizieren. Zulassungsbeschränkungen seitens des Baujahres gibt es nur in der Gruppe H, die die Grenze auf den 31.12.1965 gelegt hat, sonst darf jeder fahren. Und so sind auch unsere Tagesgegner aus Klasse 7 ( modifizierte Autos mit Slickbereifung) aus der Youngtimerfraktion: Golf 1, Opel C-Kadett Coupé und 3er BMW. In den anderen Klassen finden sich Lotus und Alfa neben ordinären aber sauschnellen VW Polo.
Durch die eher kleinen Teilnehmerzahlen und dem Zusammenschluss mehrerer Ortsvereine als Veranstalter, finden an einem Rennwochenende oft mehrere Rennläufe auf dem gleichen Kurs statt, so dass am Ende eine doch ordentlich km-Leistung zustande kommt und auch ein eigentlich kurzes Rennen weit reichende Erkenntnisse zum Testen bringt.
Nun stehe ich also am Start. Gurt, Helm, Schuhe und Handschuhe hatte ich schon im letzten Jahr bei meiner Rennpremiere an, alles andere ist für mich neu. Der Rennanzug konnte im Schrank bleiben, das wäre hier zuviel des Guten. Einige Teilnehmer haben nur widerwillig lange Hosen und geschlossene Schuhe angezogen, wo das Wetter für Ende September ungewöhnlich warm ist. In unserem Dreierteam sehe ich mich als schwächsten Starter. Nur ein gefahrenes Rennen und keine Fahrpraxis mit dem heckgetriebenen Capri, der zudem auch noch nicht über eine Differentialsperre verfügt, was hier dringend nötig wäre. Ein dreifaches Manko. Kollege Danny hat wenigstens Fahrpraxis aus dem Rallysport, ist aber ebenfalls bisher weder einen Capri noch einen Slalom gefahren. Fahrzeugbesitzer Harald Riedinger fährt seit 23 Jahren Capri (es war sein erstes Auto) und ist auf Opel Ascona auch schon Slalom gefahren. Eine klare Sache, oder?
Wir starten direkt hintereinander, es wird immer nur eine Ziffer umgeklebt, da man uns die Startnummer 17,18 und 19 zugewiesen hat, es soll ja zügig gehen. Ein Rennen besteht aus 3 Läufen, davon einer als Training und 2 Wertungsläufen, die addiert werden. Umgefahrene Pylonen werden mit 3 Strafsekunden bewertet. Meine erste Startprozedur zieht sich etwas. Gänge suchen, Elektrolüfter an und aus und der Druckpunkt der Kupplung will auch erst noch gefunden werden, wenngleich das im Rennen keine große Rolle spielt, da man meist nur im zweiten Gang fährt. Auch die Haltung des rechten Beins, das die Schlüsselrolle des kurzen Trips spielt ist für mich ungewohnt.
Der Daumen geht hoch, ich darf starten. Vollgas, nicht zu früh schalten (das kann 3 Sekunden kosten!) und ab durch die Pylonengasse. Hatte ich vor dem Start noch etwas Bammel, fühlt es sich schnell gar nicht so anders wie bei meiner Rennpremiere an, mal davon abgesehen, dass man als einziger auf der Strecke von garantiert allen Zuschauern angesehen und bewertet wird. 2 Fahrfehler meiner Kollegen verhelfen mit gar zur teaminternen Trainigsbestzeit, die aber meilenweit von den Zeiten der anderen Fahrzeuge entfernt ist. Brauchte ich 1,23Min für die 800m, ist der Schnellste in 1,05 Min durch. Welten. Egal, unser Auto ist konzeptionell unterlegen und die Anderen sind alte Hasen.
Es geht zu den Wertungsläufen. Durch unser direktes Hintereinanderstarten bleibt nur wenig Zeit zum Erfahrungsaustausch, Helmfunk wäre Quatsch, dafür ist bei dieser Ultrakurzstrecke einfach keine Zeit. Entweder es passt oder eben nicht. Runde 1 geht teamintern überraschend an Danny, der eine halbe Sekunde schneller als Harald ist. Ich habe meine Trainingszeit um 6 Sekunden verbessert, bleibe aber 3 Sekunden hinter den beiden anderen. Doch ich habe Blut geleckt. Nach den 6 Runden meine ich die Strecke zu kennen und das Auto ebenfalls. Ich bin ja immerhin schon 1,6km gefahren. Hier und da sind noch Reserven, da geht noch was. Auch Harald ermuntert mich. Lieber mal ne Pylone umfahren, das geht sich schon aus.
Lauf 2, Danny fährt eine Runde zuviel. Das passiert schon mal und führt nicht zur Disqualifikation aber schlechten Zeiten, da einfach die Zeit von Start bis Durchfahrt des Ziels gewertet wird. Mein persönlicher Triumph rückt in greifbare Nähe. Nicht Letzter werder! Harald fährt fast die gleiche Zeit wie im ersten Lauf, das muss die natürliche Grenze des Autos sein, da könnte ich rankommen. Die Einfahrt zum Start ist schon Routine, reinfahren, Daumen hoch und los. Reifen quietschen, 2.Gang und dann nur noch lenken, Gas geben und Bremsen. In Kurven kommt der Wagen heftig rum, hebt dann ab, der Vortrieb lässt nach, bis das kurveninnere Rad wieder Bodenkontakt hat. Ich gehe an die Grenzen der Strecke und knapp an die Pylonen und so in die letzen der 3 Runden dieses engen eigentlich für Motorräder gedachten Kurses.
Schikane nach dem Start, durch die Pylonengasse und in die große 180° Kurve. Hier heben alle Autos an der Hinterachse ab und schieben aus der Kurve. Aber es ist ja Platz am Ende der Strecke. Für mich nicht. Ein Schlag, das Auto kommt hinten rum und rein ins Kiesbett. Ich versuche zu retten und ziehe wieder in den Kurs hinein, aber es ist zu spät. Der Wagen schüttelt und poltert, Schluss, aus. Reifenplatzer, Achse verschoben? Ich weiß es nicht. Harald und 2 Streckenposten eilen herbei, ich steige aus. Die Reifen sind noch ganz und die Räder stehen auf den ersten Blick auch ganz normal seltsam im hinteren Radkasten. Vorsichtig fahren wir den Wagen rückwärts, der Capri spuckt eine eingesammelte Pylone aus, schüttelt sich aber nach wie vor heftig. „Du bist der Fahrer, du musst den Capri vom Kurs rausfahren, sonst geht die Veranstaltung nicht weiter,“ bemerkt Harald trocken. Wäre es mein Wagen hätte ich ihn mit Samthandschuhen persönlich wie einen Martyrer vom Platz getragen oder wenigstens geschoben. Slalomfahrer haben keine Zeit, die Strecke muss wieder freiwerden. So schütteln sich der Capri und ich von der Strecke. Wird Harald wohl sauer sein? Habe ich doch seinen Rennwagen unfahrbar gemacht und morgen wären noch einmal 2 Läufe? „Ziel erfüllt, jetzt haben wir eine Schwachstelle gefunden, sei froh dass es erst zum Schluss passiert ist.“ Mehr bekomme ich nicht zu hören. „In 6-8 Stunden ist das erledigt, eine Verbesserung der Aufhängung eingeschlossen, damit das nicht mehr passiert.“ Ich bin irgendwie immer noch nicht erleichtert, aber Danny, der den Wagen mit vorbereitet hat, scherzt auch schon wieder. „Kriegen wir das bis morgen hin? Reichen 3 Stunden Schlaf? Was sagen die Nachbarn zu eine Nachtschicht?“ Nein, so schnell wird der Wagen nicht wieder hingebogen, es soll ja noch Spaß machen und nicht in Arbeit ausarten. Aber in 2 Wochen ist wieder ein Lauf, nur wenige km von der heutigen Strecke entfernt. Sollen wir wieder hinfahren? Irgendwie kribbelt es. Mal sehen, wer dann Letzter wird.

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Diskussionen
schöne Geschichte … würde ja gerne mal ein paar mehr Fotos sehen …